Teil I  (31.05.2005 - 18.08.2005)

¿De donde vienen?
(Woher kommt ihr?)

Nach 30 zermürbenden Stunden sind wir am 31.05.2005 heil auf dem Flughafen in Buenos Aires in Argentinien angekommen. Ausgelaugt und mit etwas mulmigen Gefühl ging es dann erst mal Richtung Flughafenausgang zum Zoll. Die haben ganz interessiert dreingeschaut, als wir hochbeladen mit zwei Transportrollis dort vorfuhren. Als wir aber auf die Frage hin, was wir den in fünf großen Kartons denn mit uns führen geantwortet haben: zwei Fahrräder samt Anhängern mit welchen wir Südamerika bereisen wollen, haben die Zöllner sich sehr gefreut, nur einen kurzen Blick in ein kleines Loch in einem der Kartons geworfen und uns mit "bienvenidos" herzlichst begrüßt. Der erste Eindruck vom Land war denn somit für uns schon mal ganz positiv.
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Ankunft in Buenos Aires

Drei Wochen haben wir uns in Buenos Aires aufgehalten und zwei Wochen davon auch fleißig spanisch in einer kleinen Privatschule gelernt. Gewohnt haben wir innerhalb dieser Zeit in einem Privatapartment, im Haus einer sehr netten Familie. Doch nach drei Wochen müßigen Lebens war es denn doch Zeit endlich aufzubrechen. Am 20.06.2005 sind wir dann endlich gestartet, zu unserer eigentlichen Tour in Südamerika. Und da wir uns auf keine Reiseroute zuvor festgelegt haben, und dies auch für den Verlauf der gesamten Reise nicht tun möchten, haben wir kurz vor dem Start die Wetterberichte eingehend studiert (na ja, mehr oder weniger J) und uns, wegen des vermehrten Regens im Norden, für den Südausgang der Stadt entschieden. Sowieso hat der Süden - Patagonien - einen gewissen Reiz ausgeübt. Doch uns war auch bewusst, das hier die Jahreszeiten anders herum sind und wir uns in den Winter hinein bewegen.

Die ersten Tage unserer Tour verliefen eigentlich ganz ruhig, mal davon abgesehen, dass wir uns gleich am ersten Tag etwas verfahren hatten und zu westlich aus der Stadt rauskamen. Eigentlich wollten wir möglichst nahe an der Küste entlang fahren, doch diese liegt nun mal im Osten. Somit hatten wir uns einen Umweg von ca. 20 Km eingehandelt. Somit waren wir bei Einbruch der Dunkelheit noch mitten auf dem Lande und guter Rat, für eine Übernachtungsmöglichkeit, war teuer. Kurzerhand haben wir eine Estancia (Farm) angesteuert. Hier durften wir die Nacht zelten und sind denn auch gleich von den Leuten etwas mit Essen verpflegt worden. Am Morgen, nachdem wir das Eis vom Außenzelt abgeschüttelt hatten, ging es dann weiter. Da die Distanzen in Argentinien zwischen den Orten doch schon erheblich sein können, haben wir in den darauffolgenden Tagen, an den unterschiedlichsten Orten ein Quartier für die Nacht gefunden. Sowohl in Hotels als auch auf Estancias, in einer Schule als auch in einer Tankstelle haben wir dann übernachtet.
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Zeltlager in einem leeren Raum einer Tankstelle

Durch diese Art und Weise der Nachtquartiersuche kamen wir sehr häufig in Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung. Hierdurch haben wir viele interessante Leute kennen lernen können und ich glaube auch, dass für die meisten Leute, die wir unterwegs kennen gelernt haben, sich der Kontakt mit uns gelohnt hat. Denn die viele von den Leuten kommen kaum raus aus ihren Dörfern oder Estancias und den Blick den sie von der Welt oder z.B. von Deutschland oder Korea haben, ist allein durch die Presse (Fernsehen) geprägt. Doch da braucht man ja gar nicht so weit zu schauen. Bei uns zu Hause sieht es da ja auch nicht unbedingt besser aus, oder?

Waren wir in Buenos Aires mit dem ersten Sonnenschein gestartet, drei Wochen zuvor war es entweder trübe oder hat geregnet, so hatte uns unterwegs dann doch nach zwei Wochen das schlechte Wetter wieder eingeholt. Die Kälte ist eigentlich gar nicht so schlimm, denn man kann sich ja dick genug anziehen. Doch die Feuchtigkeit dringt, selbst wenn man sich versucht kleidungsmäßig dagegen zu schützen, dann irgendwann doch bis auf die Knochen durch. Und spätestens dann, macht das Rad fahren keinen Spaß mehr. Auch gibt es noch einen Unbill, der einem das Radlerleben äußerst schwer macht und das ist der Wind. Komme wie es wolle, als Radfahrer hat man fast immer Gegenwind. Patagonien ist ja bekannt für seine heftigen Winde und auch wir konnten nach kurzer Zeit ausreichend davon probieren. Nass und ausgelaugt sind wir so nach 1000 km südlich von Buenos Aires in einem kleinen Nest namens Necochea angekommen. Weil auch die Wettervorhersage für die nächsten Tage keine Wetterbesserung vorhergesagt hatte, haben wir uns kurzer Hand dazu entschlossen, uns und unsere Räder ein klein wenig komfortabler zu verfrachten und zwei Bustickets gekauft. Zuerst sind wir so bis Bahia Blanca gefahren und anschließend gleich, um der weiten Leere dazwischen zu entgehen (400 km ohne eine Aussicht auf eine Behausung oder menschlichen Kontakt), anschließend gleich bis Puerto Madryn weiter per Bus samt Rädern. Wer aber glaubt, dass dies nur bequem ist, der sei vorgewarnt. Zum einen strengt Busfahren auch ganz schön an und zum anderen ist es jedes Mal ein riesiger Akt, die Räder samt Anhängern und Radtaschen aufzugeben und in den, meist zu kleinen, Laderaum des Busses zu verfrachten. Hat man das Einchecken endlich geschafft muss man denn die Stunden des Busfahrens bangen und hoffen, dass möglichst die Räder noch in einem Stück ankommen (Schlaglöcher gibt es hier teilweise wie Sand am Meer). Und ist man dann endlich am Zielort angelangt, muss man höllisch aufpassen, das nicht ein profanern Angestellter der Busgesellschaft wie wild an den Rädern hantiert und versucht sie aus dem Gepäckraum, in welchem sie zwischen anderen Gepäckstücken eingelagert sind, zu zerren. Von daher kann man gut einen Tag Busfahren, mit drei bis vier „normalen" Tagen Radfahrens anstrengungsmäßig gleichsetzen.

Nun, Puerto Madryn hat uns wieder etwas aufgepäppelt. Nicht nur das wir dort sehr gut und schön untergekommen sind, nein, auch die äußerst schöne Lage am Meer und dazu die Wale in unmittelbarer Nähe am Strand oder am Bootssteg haben ihren Teil dazu beigetragen. Ursprünglich sind wir nach Puerto Madryn gekommen, um der Halbinsel Peninsula Valdez einen Besuch abzustatten. Diese Halbinsel ist bekannt dafür, dass sich dort Pinguine, Robben, Seelöwen und auch Orkas (Killerwale) in Mengen aufhalten. Wir waren aber leider etwas zu früh vor Ort, die Saison geht dort erst ab Ende September los, so dass sich noch keines dieser Tiere bisher dort eingefunden hatte.
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Punta Loma bei Puerto Madryn

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Waale in der Bucht vor Puerto Madryn

Also haben wir den Besuch auf eine spätere Reise nach Argentinien erst mal verschoben. Das hat unserer guten Laune in Puerto Madryn aber keine Abbruch getan, denn allein den Walen dort zuzusehen hat schon gereicht. Ein paar Robben haben wir dann aber doch noch zu Gesicht bekommen, denn von P.M. haben wir einen Tagesausflug mit unseren Rädern nach Punta Loma unternommen. Dort hält sich eine Robbenkolonie das ganze Jahr über auf und die Argentinier bzw. der Staat, geschäftstüchtig wie er ist, hat gleich einen Park mit Eintrittsgebühren daraus gemacht.

Einen Besuch, diesmal ohne Räder, haben wir dann auch noch der südlichsten Stadt der Erde - Ushuaia - abgestattet. Anschließend, auf dem Rückweg, haben wir auch noch in El Calafate halt gemacht, und den Perito Moreno Gletscher besucht. Beide Sachen jeweils für sich sind schon eine Reise Wert und unwahrscheinlich beeindruckend.
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Bucht von Ushaia

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Der Perito Moreno Gletscher


Nachdem wir dann in Puerto Madryn wieder zurück angekommen waren, haben wir uns mit unseren Rädern nochmals einer Buslinie anvertraut, um letztendlich den Anden entgegen zu streben. Wieder einmal lagen etliche hundert Kilometer reine Pampa dazwischen und zudem ran die Zeit so langsam zwischen unseren Fingern davon, denn die 90 Tage Touri-Visum waren bald aufgebraucht. Von Esquel jedoch sollte es dann nur noch per Rad weitergehen, bis Bariloché, von wo wir aus, aus dem Land ausreisen wollten. Nach zwei Tagen Abwarten des Wetter wegen, hatten wir uns denn für die Seenroute im Park Los Alerces nach Norden entschieden. Uns war bewusst, dass die Strecke eine Pistenstrecke ist, doch zum einen war sie landschaftlich viel reizvoller und zu anderen wären sonst auf der Asphaltstrecke 140 km Bergstrecke an einem Stück ohne Zwischenstopp zu bewältigen gewesen (so zumindest die Auskunft durch die örtliche Touristeninformation).

Kurz nach dem Start aus Esquel hat uns denn gleich auch ein kleiner Schneesturm in Empfang genommen. Dieser war jedoch zum Glück nur von kurzer Dauer. Doch als wir uns dem Park näherten, hat den schon mal eine erste Schlamm- und Schneeflächeneinlage uns herausgefordert. Ausgelaugt in einem kleinem Nest am ersten See angekommen haben wir dann noch zwei Stunden gebraucht, um ein Schlafquartier zu finden. Gefunden haben wir dies letztendlich bei der Gendarmerie, welche uns zunächst den leeren Pferdestall als Übernachtungsquartier angeboten hatte. Nachdem wir aber mit den Leuten etwas mehr in Kontakt gekommen sind und mit ihnen Matte getrunken hatten, haben sie uns dann doch zwei Betten in ihrem Schlafquartier angeboten. Am nächsten Tag ging es dann tiefer in den Park hinein, doch diesmal wollte uns der Wetter- und Straßengott herausfordern. Nach kurzem Sonnenschein, scheinbar zum anlocken, gab es erst mal eine Regeneinlage und anschließend direkt übergehend in Schneeschauer. Die Wegverhältnisse hatten sich dadurch von Buckelpiste in Schlammpiste und schneevereister Piste ständig abgewechselt. Mun Suk, aber auch ich, waren mit den Nerven am Ende und gut ausgelaugt. Und weil es so schön war, hat sich Mun Suk auch gleich zweimal mit dem Rad auf die Seite gelegt. Zum Glück ist dabei nie etwas schlimmes passiert, nur halt das Rad samt Anhänger hat sie dann alleine selbst nicht mehr hochbekommen. Wie gesagt, gut ausgelaugt und mit letzter Kraft (stundenlanges steiles bergauf schieben im Schlamm hat schon seinen Reiz J) sind wir dann bei einer Herberge angekommen. Am nächsten Tag, obwohl diesmal Sonnenschein, war die weitere Strecke erst mal durch die Parkwächter gesperrt, denn ein sehr steiles Bergstück konnten von einem Schneeräumgerät noch nicht freigeschoben werden. Ein Tag Zwangspause war aber gar nicht so schlimm. Danach ging es dann aber doch einen Tag später weiter, doch weder bergauf noch bergab war die Strecke leicht zu bewältigen. Zudem kam kurz vor dem Schluss am Abend noch mal eine sehr steile und schlammige Bergaufpassage hinzu. Am fünften Tag hatten wir dann endlich den Park bezwungen. ...es war wirklich ein Gefühl etwas bezwungen zu haben.
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Hartes Leben für Mun Suk

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Die schöne Seite des Parks


Nun sitzen wir an unseren Endziel in Argentinien, in Bariloché. Dieser Ort ist hier so etwas wie ein Synonym für Urlaub. Denn alle Welt, zumindest die Argentinische, will hier Urlaub machen. So fahren auch alle Schüler, wenn sie die Schule beendet haben und es sich leisten können, nach Bariloché, um hier die Sau rauszulassen. Dementsprechend laut geht es hier in den Nächten auch zu. Ansonsten hat dieser Ort, außer seiner traumhaften Lage am See und den Bergen drumherum nicht viel zu bieten.

Morgen geht es dann aus Bariloché raus und um den Nahuel See herum Richtung Grenzpass zu Chile. Bis kurz vor dem Pass soll die Strasse geteert sein und auch der Pass sollte keine allzu großen Probleme bereiten, vorausgesetzt es schneit nicht schon wieder.

Bis demnächst denn aus Chile.

Mun Suk + Eric


Nachtrag da immer noch in Argentinien, Villa La Angostura, 16. August 2005:

Von Bariloché heraus ging es um den Nahuel See bei strahlend blauem Himmel und mit schneebedeckten Bergen um uns herum. Viele ups and downs mit leichtem Gegenwind haben an unseren Kräften gezerrt, so dass wir auf dem ersten Zeltplatz, der uns sich bot, Quartier bezogen haben. Dies war ein z. Z. im Winter unbewirtschafteter Campingplatz ohne Gelegenheit zum Duschen, da wegen des Frostes alles abgestellt war. Trotzdem, die Lage war herrlich schön, in den Bergen direkt am See gelegen. Bei klirrenden Frostgraden haben wir abends mit Seewasser gekocht und uns ein wenig gewaschen. Die Nacht haben wir dann etwas fröstelnd in unseren Schlafsäcken überstanden, denn draußen waren es bestimmt gerade mal -5° C. oder weniger. Am darauffolgenden Tag ging es dann wieder bei schönstem Sonnenschein weiter, auch mal wieder kräftezehrend immer rauf und runter, bis Villa La Angostura, wo wir nun sitzen und auf die Weiterfahrt warten. Hier sitzen wir z. Z. fest, denn es schneit kräftig und der Pass den es nach Chile zu bewältigen gilt, ist somit zu mindestens von uns mit unseren Rädern z. Z. nicht zu bewältigen. Also warten wir nun darauf, dass der Wettergott es sich hoffentlich bald anders überlegt und die Sonne mal wieder nach vorne schickt.
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Auf dem Weg nach Villa la Angostura

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Über die Anden nach Chile

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Teil II (08.11.2005 - 28.11.2005)

Abajo del cielo por el infierno
(Vom Himmel kommend in die Hölle)

Am 08.11.2005 kamen wir von Chile aus wieder zurück nach Argentinien. Drei Monate sind wir in Chile durch eine meist sehr grüne Landschaft gefahren und vor uns lag nun eine atemberaubende, farbige, wild zerklüftete und fast ohne Bewuchs vorhandene Berglandschaft. Ein großes freies Tal, eingerahmt von hohen Bergen. Wir freuten uns auf die Abfahrt, da es die nächsten 50 km so gut wie nur bergab gehen sollte. Ehrlich gesagt hatten wir uns auch diese Abfahrt redlich verdient, denn Tags zuvor hatten wir uns, unter dem Einsatz all unserer Kräfte, bis auf über 3200 Höhenmeter hinaufgestrampelt.
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Wieder in Argentinien

War es zuvor auf chilenischer Seite sonnig und warm, so war es nun etwas bedeckt und ein kühler Wind wehte am Morgen. Mit zunehmender Zeit wurde jedoch auch dem leichten Wind ein kleiner Sturm mit teilweise sehr starken Windböen. Zum Glück kam der Wind aus Westen, was für uns Rückenwind bedeutete, doch ab und zu kamen auch ein paar Böen von der Seite, so dass wir höllisch aufpassen mussten, nicht von der Strasse gefegt zu werden. Und quälten sich Tags auch die LKWs langsam bergauf, so schossen sie nun, da es auch argentinischer Seite so gut wie nur gerade aus ging, mit Höchsttempo bergab. LKWs die mit über 100 Km/h  an einem vorbeipreschen, sind nicht gerade eine angenehme Begleiterscheinung, denn der Sog der ihnen hinterher folgt ist gewaltig und kann einem auch aus der Bahn werfen. Nun gut, mal abgesehen von diesen beiden Dingen, Böen und LKWs, genossen wir unsere Abfahrt sehr. Wir passierten auf unserer Abfahrt den Aconcagua (der höchste Berg Amerikas mit knapp 7000 Metern Höhe), welcher sich uns jedoch leider nicht zeigte, da er hinter Wolken verhüllt war und kamen nach rasanter Abfahrt bei dem Ort "Puente del Inca" an. Zuvor hatten wir bereits erfahren, dass es hier Thermalquellen geben soll, in welchen man baden kann.

Die Vorfreude war also groß, denn unsere geschundenen Muskeln wollten wir etwas Erholung gönnen. Um so größer dann die Enttäuschung, den der Zugang zu den Quellen, die Puente del Inca (Brücke der Incas), war wegen Einsturzgefahr gesperrt. Den Winter zuvor hatte es dort außergewöhnlich viel geschneit gehabt, so dass es durch das hohe Gewicht zu Setzungen bei der Naturbrücke gekommen ist und weil dort keiner so genau weis, ob die Brücke weiter hält oder nicht, wurde sie einfach kurzerhand gesperrt. Somit ist nun auch der Zugang zu den Quellen versperrt, worüber alle Besucher sich mehr oder weniger ein bisschen geärgert haben. Vor der Grenze nach Argentinien hatten wir einen anderen Radreisenden, Jorge aus Chile, getroffen. Wegen geringeren Reisegewichts war er einiges schneller unterwegs als wir, doch in Puente del Inca trafen wir ihn wieder. Zudem kamen noch drei Argentinier bergauf mit ihren Rädern. Nach Monaten, in welchen wir keine anderen Radreisenden getroffen hatten, war dies für uns nun fast schon wie ein Massenauflauf. Es machte Spaß auch andere Leute mit dem Fahrrad unterwegs zu sehen und mit Ihnen zu plaudern. Auch waren die drei Argentinier eine ziemlich bunt gemischte Truppe. Der Älteste war sage und schreibe 71 Jahre alt, ein Anderer etwas gut beleibt und der Dritte hatte ein Handicap, denn auf der rechten Seite war ab der Schulter sein Arm behindert. Zum Glück fuhren die Drei ohne Gepäck, ein Servicewagen transportiert ihre Sachen. Doch sie mussten ja bergauf fahren und zu allem Unglück hatten sie auch noch heftigen Gegenwind. Am darauf folgenden Tag ging es für uns weiter bergab, teilweise mit Rückenwind und strahlendem Sonnenschein. Wir konnten uns kaum an der Landschaft satt sehen, so beeindruckt waren wir von ihr. Wir nahmen es als die Belohnung, die wir uns zuvor auf chilenischer Seite bergauf erstrampelt hatten. Zudem war der Verkehr nicht so arg, so dass wir gut die Abfahrt genießen konnten und mit jedem Meter den wir an Höhe abbauten, nahm auch die Temperatur wieder etwas zu. Aber irgendwann hat auch die schönste Abfahrt mal ein Ende und nach etwa 50 km mussten wir uns wieder an flachere Strecken und sogar teilweise wieder Steigungen sowie Gegenwind gewöhnen. Die Außentemperatur war nun sogar mittlerweile bei 30°C. angelangt. Spät am Nachmittag kamen wir dann trotz Abfahrt gut Erschöpft in Uspallata an. Hatte die Landschaft zuvor schon einen wüstensartigen Charakter angenommen, trocken und staubig mit sehr wenig Bewuchs, so war es um so interessanter, als wir in die Nähe dieses Ortes kamen. Wie eine Oase stach dieser aus der Landschaft hervor, plötzlich mit üppigen Grün- und Baumbewuchs.
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Puente del Inka (Brücke der Inkas)

Wir folgten dem Mendozafluss bis Potrerillos und die Temperatur stieg und stieg weiter an. Auch die Umgebung behielt ihren herben Charme und nur kurz vor dem nächsten Ort, ein kleines Nest am Rande der Strecke, kam wieder etwas mehr Grün zum Vorschein. Hier machten wir endlich mal wieder Camping und rasteten für zwei Tage. Danach, uns hatte endlich eine Großstadt wieder, kamen wir in Mendoza an. Waren zuvor die Übernachtungsmöglichkeiten drastisch beschränkt, so gab es jetzt wieder welche in Hülle und Fülle. Doch bevor wir unsere verdiente Dusche in Empfang nehmen konnten, wurden wir von einem Zeitungsreporter aufgegabelt, der unbedingt einen Bericht über uns schreiben wollte. Wir ließen es über uns ergehen, antworteten fleißig und nachdem wir uns den Mund fusselig geredet hatten, gab es zum Glück auch einen Schluck Wasser für uns. Nun wollte ein Quartier gefunden werden, doch obwohl die Auswahl groß war, entsprachen nicht alle unserem Sauberkeitsempfinden bzw. waren nicht unserem Geldbeutel angemessen. Etliche Kilometer fuhren wir daher durch die Stadt, lernten sie nebenbei so dadurch kennen und nach zwei Stunden hatten wir endlich unser Domizil für die nächsten Tage gefunden. Die Kosten zwar etwas höher als veranschlagt, dafür aber sauber und mit sehr netten Leuten. Fünf Tage blieben wir in Mendoza, machten wenig und genossen dafür umso mehr. Gutes Essen, Wein und viel Eiscreme. Wieder im Sattel machte sich auf den ersten Kilometern das zuvor müßig genossene Leben unliebsam bemerkbar. Wie schnell man doch konditionsmäßig abbauen kann. Aber nach 10 km war auch das überstanden. Und dem Stadtverkehr endlich entronnen, breitete sich auch Ruhe aus. Die Landschaft wurde wieder karger, ein paar Wein- und Obstplantagen ab und zu und nach weiteren Kilometern ging tief hinein in ein Wüstenareal. Merkwürdige Beschilderungen standen dort am Straßenrand: „Antes de cruzar observe la altura de agua" was so viel bedeutet wie: bevor du weiterfährst schau erst mal nach der Wasserhöhe. Und das mitten in der Wüste, alles staubtrocken, ohne einen Tropfen Wasser. Mir fiel in diesem Moment jedoch ein Spruch ein, den ich irgendwo mal aufgeschnappt hatte, der da sagte: das in der Wüste mehr Leute ertrinken als verdursten. Schwer zu glauben, aber nachdem uns auf unserem Weg immer wieder mal ein paar Leute vor den Gefahren bei Regen gewarnt hatten, die so trocken aussehenden Flussbette können dann zu reisenden Strömen werden, nahmen wir die Schilder dann doch etwas ernster.
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Warnsignal: Erst die Wasserhöhe prüfen bevor man durchfährt. Und das in einer staubtrockenen Wüste, in welcher es über 3 Jahre lang nicht geregnet hat

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Hohe Temperaturen

Aber weniger das Wasser was irgendwann mal vom Himmel fallen kann machte uns Sorgen, sondern vielmehr der eigene Wasservorrat war nun ausschlaggebend. Die Temperaturskala schien nach oben keine Grenzen mehr zu kennen und das Thermometer kletterte unaufhörlich in die Höhe. Spitzenwerte um 52°C. erreichten wir dabei. Stimmt, diese Werte wurden von uns direkt im Sonnenschein gemessen und nicht im Schatten, wie es sich gehört. Da wir aber nirgends, auch nur den Ansatzweise, eine Ansatz von Schatten finden konnten, war dieser Wert somit der Einzige von uns messbaren. Im Internet konnten wir dann später nachsehen, dass die Schattentemperatur in dieser Gegend bei etwa 42°C. gelegen haben soll. Allmählich konnten wir gut nachempfinden, wie man sich als Brathähnchen fühlt. Trotz dick aufgetragener Sonnencreme mit Schutzfaktor 40 blieben die Verbrennungen nicht aus. Meine Nase glich dadurch mehr einer reifen Erdbeere. Für die nächsten 600 km wird sich wohl an diesen Umstand auch kaum etwas ändern für uns, es sei denn wir flüchten weit hoch in die Berge. Nach Mendoza kamen wir zuerst nach San Juan. Tags zuvor hatten wir sogar bei der Hitze einen neuen Tagesrekord mit 125 km aufgestellt. Wie wir das bei der Hitze geschafft hatten, weis ich nicht mehr so ganz genau. Zum Glück war die Strecke jedoch bügelbrettglatt, Wind gab es keinen und auf der Strecke zwischendrin gab es nur Wüste und keine einzige Behausung. Nach San Juan ging es für eine kurze Strecke etwas westlich bevor wir auf eine kleine Nebenstrecke nach Norden wieder einbogen. Ab und zu, nach etwa 40 - 50 km gab es hier und dort mal ein paar Hütten, doch Grün war keines mehr vorhanden und das Wasser wurden denn Leuten z. T. mit Tankwagen geliefert.

Wenn wir eine Pause machen wollten, blieb uns nichts anderes übrig, als am Straßenrand anzuhalten, stehen zu bleiben und etwas aus den gut aufgewärmten Trinkflaschen zu trinken. Sicherheitshalber, obwohl nur alle 2 - 3 Std. mal ein Fahrzeug vorbeikam, hielten wir dabei im Seitenstreifen an. Das war auch eigentlich immer unproblematisch, bis ich auf einmal beim weiterfahren ungewöhnliche Abrollgeräusche hörte. Ein Blick auf die Reifen bestätigte dann auch meine Befürchtungen. Die Reifen waren übervoll gespickt mit kleinen, nadelscharfen Dornen. Und da es keine Möglichkeit gab das Rad irgendwo anzulehnen, einen Ständer haben unsere Räder nicht da diese bei dem enormen Gewicht sowieso zusammenbrechen, versuchte ich, das Rad balancierend, die Dornen irgendwie aus den Reifen zu ziehen. Gerade in diesem Moment kam aber zum Glück eine Camioneta (Pick-Up Wagen) vorbei und ich streckte den Daumen raus, da ich hoffte unsere Räder an dem Wagen, zwecks Dornenentseuchung, kurz anlehnen zu können. Der Fahrer, Jose, hielt auch an, weil er aber kaum Zeit hatte, bot er uns an, eine kurze Strecke mitzunehmen und wenn wir Lust hätten, könnten wir auch eine Farm besuchen, zu welcher er hin musste. Dieses Angebot nahmen wir gerne an, konnten wir so doch auch einen kleinen Einblick in das Landleben dort vor Ort bekommen. Mich interessierten dabei sowieso, wie Leute dort in der Wüste überhaupt überleben können und dazu noch irgendetwas anbauen oder züchten zu können. Nachdem wir etwa 5 km auf der Strasse mit der Camioneta gefahren sind bogen wir ab ins Landesinnere. Hier ging es auf sehr sandigen Wegen tief ins Land hinein und nach etwa weiteren 5 km standen wir plötzlich vor einem Haus und einem Rindercorral. Ein heftiger Wind wehte dort, angereichert mit viel trockener Erde und Staub. Zudem befand sich dort eine Truppe von Gauchos, welche mit ihren Rindern auf der Durchreise waren und wegen der Wasserstelle dort Rast machten. Es hatte wirklich Wasser dort, wenn auch tief aus dem Boden gefördert. Nebenbei erfuhren wir, dass dort die Erde seit drei Jahren keinen einzigen Tropfen Regenwasser gesehen hatte. Um der Hitze und dem Staub aus dem Wege zu gehen hielten wir uns hauptsächlich im Haus auf. Hier kamen wir schnell ins Gespräch mit den Gauchos, wenn auch der Dialekt, den die Leute vom Land sprachen, nicht ganz so einfach zu verstehen war. Nebenbei wurde auch viel Mate getrunken und zu Mittag gab es dann für alle frisch gegrilltes Fleisch. Kurz darauf machten sich die Gauchos wieder mit den Rindern auf den Weg und Jose und wir blieben im Haus zurück. Weil die Zeit schon weit fortgeschritten war und der nächste Ort noch gut entfernt war, nahmen wir das Angebot von Jose gerne an, im Haus zu übernachten. Möbel gab es zwar so gut wie keine, doch die brauchten wir ja auch nicht, denn wir hatten ja Isomatten und Inletts (Baumwollinnenschlafsack) dabei. Tagsüber hatten sich schon ein paar kleinere Wolken am Himmel breit gemacht und am Abend zogen sich als mehr und mehr Wolken am Firmament zusammen. Als dann die ersten Blitze zuckten war es klar, das ein ordentliches Gewitter bevorstand. Es war ein herrliches Schauspiel und als die ersten Regentropfen fielen konnte man spüren, wie sehr diese willkommen waren. Dann fielen plötzlich taubeneigroße Hagelkörner und der Boden war übersäht davon. Nun gut, zum Schlittschuhlaufen hat es nicht gereicht, aber einen eisbedeckten Boden in der Wüste zu haben, ist auch schon etwas Außergewöhnliches. Das Ganze war aber nur von kurzer Dauer und Hagel aus auch Regen verabschiedeten sich wieder schnell.
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Gaucho bei der Arbeit


Jose brachte uns tags darauf wieder zurück zur Strasse (zum Glück, denn durch das Weglabyrinth und dem Sand hätten wir kaum wieder zurück auf die Strecke gefunden). Durch das Gewitter Abends zuvor waren die Temperaturen auch wieder auf ein wenig erträglichere Werte gesunken. Das Fahren machte dadurch wieder mehr Spaß und die Reifen waren wieder, es gab zum Glück nur einen Plattfuß an einem Anhänger, dornenfrei. Ein kleiner netter Ort, San Augustin del Valle Fértil, lag auf der Strecke. Mal wieder eine kleine Oase, denn dort hatte es einen kleinen Fluss und einen Stausee. Danach gab es das eigentliche Highlight auf unserer Wüstenstreckentour und zwar den Park Ischigualasto oder auch Valle de la Luna (Tal des Mondes) genannt. In diesem Park, von der Unesco geschützt, wurden die bisher ältesten Knochen von Dinosauriern gefunden. Wir haben deshalb unsere Sachen alle an der Strecke bei einem Restaurant, wo wir unser Zelt aufgeschlagen haben, gelassen und sind tags darauf ohne Gepäck zum 17 km entfernten Park gefahren. Dort angekommen wollten diese uns aber nicht in den Park mit unseren Rädern einlassen und nur für Pkws war der Weg frei. Wir hätten also unsere Räder irgendwo deponieren müssen und darauf hoffen, dass uns ein Auto mit in den Park hinein nimmt. Etwas frustriert haben wir deshalb kehrt marsch gemacht und beschlossen, uns lieber die Wüste vor Ort mal näher anzuschauen. Wenig später haben wir dann auch von anderen Parkbesuchern erfahren, dass man nicht unbedingt in den Park muss, denn so viel gibt es dort kaum zu sehen. Ein kleiner Trost somit für uns.

Mun Suk und ich hatten ein paar Tage zuvor schon beschlossen, einen weit entfernten Abstecher von unserer Route zu machen. Zurück nach Madariaga, wo wir vor fast 5 Monaten zuvor in Argentinien waren, wollten wir, um dort ein Gaucho Festival zu besuchen. Als wir dort in Madariaga waren, hatten uns die Leute zuvor sehr angetan von diesem Festival erzählt, so dass dieser Event schon lange bei uns vorgemerkt war. Doch da wir bereits weit über 1000 km von dort entfernt waren, stand es fest, nicht mit den Rädern dort einzufahren. Also mussten wir eine sichere bleibe für unsere treuen Begleiter finden. In La Rioja, einer etwas größeren Stadt mit 140' Einwohnern, machten wir uns daher auf die Suche nach einer Unterkunft und einem Verwahrungsplatz. In unserem Hotel hatten wir jedoch kein Glück. Zwar hätten wir die Sachen dort lassen können, aber der Ort war uns zu unsicher, zumindest für einen längeren Zeitraum, da die Sachen im Hinterhof nur im freien hätten bleiben können. Mun Suk machte sich daher auf die Suche nach einem koreanischen Geschäft und schon bei dem Ersten wo sie nachfragte waren die Leute so nett und hilfsbereit, dass das Verwahrungsproblem somit schnell gelöst war. Am 02.12.2005 verabschiedeten wir uns von unseren Rädern und loggten ein im Busterminal. Über 20 Stunden Busfahrt standen uns bevor.

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Teil III (29.11.2005 - 14.03.2006)

Gauchos y Rodeo - El infierno sigue - Al fin todo esta bien
(Gauchos und Rodeo - Die Hölle geht weiter - Ende gut alles gut)

Es war ein weiter Weg, zurück nach Madariaga. Etliche Stunden Busfahrt durch das Weite und Große Argentinien. Zwei Tage Zwischenstop in Cordoba und weitere zwei Tage in Buenos Aires hatten wir eingelegt. Dann endlich kamen wir in Madariaga an und die Erwartungen, auf das bevorstehende Gauchofestival, waren groß. Fast genau ein halbes Jahr war es bereits her, dass wir hier waren, doch immer noch erinnerten sich ein paar Leute an uns und fragten uns, wo wir denn unsere Fahrräder gelassen haben. Zum Glück war es nicht mehr so heiß, wie zuvor in La Rioja, doch noch immer waren es tagsüber etwas über 25°C. Weihnachten rückte immer näher und die Leute waren auch schon gut in Weihnachtsstimmung. Doch uns viel es schwer, weihnachtliche Gefühle, bei diesen Temperaturen, aufkommen zu lassen. Das Gauchofestival begann nachmittags am 9.12. erst mal mit einem Gottesdienst im Freien. Am nächsten Tag ging es dann aber endlich richtig los. Zuerst wurde ein Pferdewettrennen vormittags veranstaltet danach konnte man ein ordentliches "Asado de tira" (gegrillte Kalbsrippen) essen und am Nachmittag gab es dann das erste Rodeo zu sehen. Am späten Nachmittag, in der Stadt, fand dann ein noch ein Umzug der Gauchos und der Schönheitsköniginnen statt. Am darauffolgenden Tag wurde das Rodeo fortgesetzt und es war schon beeindruckend, wie die Gauchos sich auf den Pferden halten konnten. Manche stürzten auch, doch zum Glück ist niemanden etwas ernsthaftes, außer vielleicht ein paar geprellten Rippen, passiert. Nun hieß es wieder Abschied nehmen, der Bus wartete und abermals unzählige Stunden Busfahrt wollten mal wieder abgesessen werden. In La Rioja zurück nahmen wir unsere Räder wieder in Empfang. Sie hatten, gut behütet, die Zeit in dem koreanischen Kleidergeschäft im Lagerraum verbracht. Die koreanische Familie Im lud uns zudem auch noch ein in ihrem Haus, einem Holzhaus, welches ihnen gehörte aber von ihnen nicht mehr bewohnt wurde, zu bleiben.
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Gaucho Umzug in Madariaga

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Gaucho Rodeo in Madariaga

Nach zwei Tagen war es uns im heißen La Rioja dann aber genug. Drei Wochen hatten wir mittlerweile pausiert und nun sollte es endlich weitergehen. Wir bedankten uns vielmals bei der Familie Im, schwangen uns auf unsere Räder und fuhren aus der Stadt heraus gehen Norden. Die Sonne brannte unerbittlich, kein Schatten weit und breit und es waren bestimmt 45°C oder mehr auf der Strecke. Da passierte es dann, auf freier Strecke bei hellstem Sonnenschein. Ein LKW fuhr Mun Suk, obwohl sie ganz rechts auf dem Fahrstreifen fuhr, mit ca. 50 bis 60 km/h an. Der Fahrer muss wohl gedöst haben, denn er ist überhaupt gar nicht ausgewichen. Mun Suk stürzte heftig und landete zum Glück auf dem unbefestigten Seitenstreifen unter dem Rad und Anhänger.
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Mun Suk nach dem Unfall im Krankenhaus

Man kann wirklich sagen, dass es Glück im Unglück war, denn auf Grund des Anhängers nur wurde sie zur Seite geschleudert. Ohne Anhänger wäre sie bestimmt direkt unter den fahrenden LKW gelandet. Mun Suk jedoch hatte tierische Schmerzen im rechten Fußgelenk. Es war dick angeschwollen und wir befürchteten schon, dass es gebrochen sein könnte. Ein Pick-Up, welcher hinter Mun Suk fuhr hielt an und half die Sachen von uns aufzuladen. Mun Suk weinte fürchterlich und beschimpfte den LKW-Fahrer stark. Nun galt es aber erst mal so schnell als möglich in ein Krankenhaus zu kommen, damit Mun Suk versorgt werden konnte. Die Leute mit dem Pick-Up brachten uns in den nächsten Ort. Chumbicha war zwar ein kleines Nest, doch mit einem recht ordentlichen Krankenhaus ausgestattet. Jedoch gab es nicht genug Strom im Ort, so dass die notwendige Röntgenaufnahme in der nächsten Stadt gemacht werden musste. So ging es dann noch mal 80 km mit dem Krankenwagen nach Catamarca und danach wieder zurück. Mun Suk's Schmerzen waren, auf Grund der gegebenen Schmerzmittel, für sie etwas erträglicher geworden und nachdem die Röntgenaufnahmen gemacht wurden und man erkennen konnte das es keinen Bruch gab, fühlten wir uns auch ein klein wenig erleichtert. Jedoch war für die nächste Zeit nicht mehr mit ein Weiterkommen zu rechnen, denn nach Aussage des behandelnden Arztes war mit mindestens 3 Wochen zu rechnen, bis der Fuß wieder einigermaßen belastet werden kann. Nicht ganz so gut gestellt war es mit dem Fahrrad und dem Anhänger samt Alubox. Es war zwar fast wie ein Wunder, dass diese Sachen überhaupt noch erkennbar waren, doch sie sahen ziemlich malträtiert aus. Schwierig war es auch, denn Unfallvorgang bei der örtlichen Polizei in Chumbicha aufzugeben. Bis nachts um 11:00 Uhr dauerte das Ganze. Man gab mir zu verstehen, dass es bestimmt 3 bis 4 Wochen dauern würde, bis der Vorgang durch die Versicherung bearbeitet wird. Doch 4 Wochen wollten und konnten wir auch nicht in diesem kleinen Nest, obwohl die Leute sehr freundlich und hilfsbereit waren, ausharren. Wir verbrachten daher die Nacht im Krankenhaus und am darauffolgenden Tag, fuhren wir mit einem Transport zurück nach La Rioja. Abends zuvor hatten wir bei Familie Im angerufen und gefragt, ob sie uns ihr freies Haus für etwa 3 Wochen bereitstellen könnten.

Sonntags, am 18.12.2006, kamen wir so wieder zurück nach La Rioja. Wir luden unsere Sachen ab und Mun Suk humpelte halb und halb wurde sie auch von mir getragen, zurück in das Haus. Es war genau Sommeranfang. Uns stand nun eine lange Zeit des Auskurierens und des Abwartens bevor. Die Temperaturen, obwohl vorher schon in schwindelerregender Höhe, kletterte als weiter nach oben. Es war wirklich, zumindest temperaturmäßig, die Hölle auf Erden. Nachts um 12:00 Uhr hatte es immer noch 35°C.! Ein Wahnsinn. Ich glaube, soviel wie in La Rioja habe ich mein ganzes Leben bislang noch nicht geschwitzt. Was uns nun bevorstand waren Tage, Wochen und sogar Monate des Abwartens. Die einzigsten Lichtblicke waren Sonntags, wo jedes Mal Familie Im zum grillen vorbeikam.
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Familie Im in La Rioja

Es gab Fleisch in rauen Mengen. Schon witzig: eine koreanische Familie die schon fast argentinischer ist, als die Argentinier selbst. So verbrachten wir auch Weihnachten und Sylvester. Zu unserem Leidwesen sind die La Riojaner jedoch auch Leute, die gern feiern. Von Weihnachten bis weit ins neue Jahr hinein gab es so ausgiebige Feste in der Nachbarschaft und näheren Umgebung, welche meist erst um 12:00 Uhr nachts begannen und nur eine Richtung des Lautstärkereglers kannten, nämlich voll aufgedreht. Viel Schlaf fanden wir daher in dieser Zeit nicht. Auch auf Seite der Versicherung des Unfallgegners rührte sich überhaupt nichts. Klar es waren da die Feiertage, doch nach 2 ½ Wochen des Abwartens wurde es uns dann doch zu bunt. Wir setzten uns mit dem Unfallverursacher in Verbindung und vereinbarten, zusammen direkt zur Versicherung zu fahren. Hierfür fuhren wir bis Tucuman, welches ca. 450 km entfernt von La Rioja lag, mit dem Bus. Man versprach uns dort, sich zügig um die Sachen zu kümmern, doch natürlich passierte gar nichts. Nach über weiteren drei Wochen des hin und her Telefonierens mit der Versicherung war es uns dann zu dumm und wir schalteten einen Anwalt aus Buenos Aires ein. Dieser wurde dann aber auch immer wieder nur von der Versicherung hingehalten, so dass uns kein anderer Weg übrig blieb, als gerichtlich gegen die Versicherung vorzugehen. Hierzu wurde in Buenos Aires eine Mediation (eine außergerichtliche Vorverhandlung) einberufen, welche so Pflicht im Ablauf ist. Wir fuhren also mal wieder nach Buenos Aires, doch wer nicht zur Verhandlung kam war die Versicherung.

Da Mun Suk wieder einigermaßen ordentlich laufen konnte, es waren immerhin schon über zwei Monate seit dem Unfall vergangen und damit wir nicht unsere wertvolle Reisezeit nur absitzen, beschlossen wir, allem Trübsal zum Trotz, unsere Zeit etwas positiver zu nutzen. Wir machten daher von Buenos Aires aus einen Ausflug zu den Iguazu Wasserfällen im Norden des Landes.
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La Garganta del Diablo - Iguazu Wasserfälle

Und diesmal auch nicht mit dem Bus sondern mal mit dem Flieger. Also fast richtig wie Urlaub. Die Wasserfälle haben uns beiden, nach den Monaten des Ausharrens, sehr gut getan. Endlich mal wieder etwas anderes sehen und dazu noch so fantastische Wasserfälle. Weil also wie gesagt die Versicherung sich keinen breit weit rührte und wir soweit den offiziellen Weg eingehalten hatten, hatten wir nun unserem Anwalt eine Vollmacht gegeben, den Vorgang ohne uns allein weiter zu verfolgen. Wir wollten wirklich keinen Tag länger mehr damit belastet sein und endlich wieder weiter unterwegs sein. Zwar mussten wir zunächst noch, wieder zurück in La Rioja, unser Schaden notariell beglaubigen lassen, doch das ging zum Glück ziemlich unkompliziert. Am 08.03.2006 dann endlich war es soweit. Nach zwei Monaten und 20 Tagen, gerechnet ab dem Unfalltag, haben wir es geschafft endlich weiter zu kommen. Und weil wir keine Lust mehr hatten, die Unfallstrecke nochmals mit dem Rad zu befahren, haben wir unsere Sachen in einem Bus verstaut und sind so bis nach Salta gefahren.

In Salta kamen wir um 03:00 Uhr morgens früh auf dem Busbahnhof an. Wir harten auf dem Busbahnhof noch bis zum Sonnenaufgang aus und machten uns dann, altgewohnt, auf Zimmersuche in der Stadt. Den restlichen Tag verbrachten wir, ziemlich groggy, hauptsächlich im Bett. Am nächsten Tag aber erkundigten wir dann ausgiebig die Stadt und fuhren auf den kleinen Hausberg mit einer Seilbahn. Das anstehende Wochenende machten wir sogar einen kleinen Ausflug samt Rädern zum nahegelegenen Stausee Cabra Caral. Die 60 km dorthin legten wir zwar in einem Taxi zurück, mit den Rädern auf dem Dach, doch zurück nach Salta ging es mit den Rädern allein. Unsere erste Radtour nach über 3 Monaten wieder. Alle antrainierten Muskeln scheinen verschwunden zu sein und auch das Sitzfleisch muss sich erst wieder an die ungewohnte Sitzposition gewöhnen. Was aber neben dem See an diesem Wochenende auch noch sehr schön war, wir haben zuerst einen Argentinier deutscher Abstammung getroffen, der, zwar 78 Jahre alt doch körperlich Top fit, uns auf sein Segelboot zu einer Tour auf dem See eingeladen hatte. Abends konnten wir dann auch sogar noch im Boot schlafen. Am nächsten Tag dann haben wir dann noch nachmittags ein kolumbianisches Radfahrerpärchen getroffen, welches bereits seit fast zwei Jahren auf Achse ist und den restlichen Tag plaudernd mit Ihnen verbracht.
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Angelica und Claudio aus Kolumbien

Die Unterhaltung mit Angelica und Claudio aus Kolumbien hat uns beiden ganz gut getan und ein wenig geholfen unsere Motivationsscala ein wenig nach oben zu treiben. Ich freue mich daher wieder schon auch einen erneuten Toureinstieg und die restlichen Meter noch durch Argentinien. Bolivien wartet.

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Teil IV  (15.03.2006 - 18.04.2006)

On the road again...
(Wieder unterwegs…)

Ein Start, nach dem Unfall und nach fast 3 Monaten des Nicht-Radfahrens, war am 16. März 06 also endlich wieder gemacht. Die Strecke hatte uns wieder. Von Salta aus ging es zuerst einmal weiter Richtung Norden, nach San Salvador de Jujuy (auch nur Jujuy genannt). Zwar nur ein kleiner Sprung, doch dafür ließen wir uns ausreichend Zeit. Der Unfall steckte Mun Suk immer noch in den Knochen, so dass ein behutsamer Wiedereinstieg angesagt war. Unsere erste Tagestour führte uns zu dem kleinen Dorf Namens La Caldera. Dieser Ort liegt 30 km außerhalb von Salta, schön gelegen an einem Fluss, von nicht allzu weit entfernten Bergen eingerahmt. Zu unserer Überraschung gab es dort am darauffolgenden Tag auch gleich ein Chicha-Festival (Chicha ist ein alkoholhaltiges, aus vergorenem Mais hergestelltes Getränk), auf welche einheimischen Folkloresänger auftreten sollten. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen.
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Zubereitung unseres Mittagsessen in La Caldera


Zwei Tagen später kamen wir dann, nach einem nochmaligen Zwischenstop in El Carmen, in Jujuy an. Hier durchquerten wir erst mal wieder stundenlang die Stadt, auf der Suche nach einem geeigneten Quartier. Nichts wollte so recht klappen, so dass wir, nach zwei Stunden, verzweifelt die Touristeninformation aufsuchten. Hätten wir ja eigentlich auch gleich, nach Einfahrt in die Stadt, tun können, aber na ja. Nach langen Recherchen in der ausliegenden Hotel- und Herbergenliste fanden wir ein Hostal, welches wir zuvor auf unserer Stadtrundtour noch nicht gesichtet hatten. Bingo, und wieder einmal hatten wir Glück. Nicht nur, dass das Preis-Leistungsverhältnis stimmte, nein, auch der Besitzer, Don Tito, war ein überaus freundlicher Geselle und Fahrradfanatiker obendrein. Wir füllten uns im Jujuy Hostel sofort pudelwohl. So ließen wir denn auch unsere Räder, für einen mehrtägigen Ausflug in die bergige Umgebung, dort zurück. So kamen schließlich doch noch dazu, Orte wie: Purmamarca, Las Salinas Grandes und Iruya zu besuchen. Gut das wir diesen Ausflug gemacht haben, denn die Landschaft und die Berge der Jujuy Provinz sind atemberaubend und auch die Städte bzw. Dörfer sind schön, Dank Unesco Hilfe, hergerichtet worden.
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Mun Suk als Salzarbeiterin auf den Salinas Grandes


Ein paar Tage später wieder in Jujuy zurück setzte dann jedoch, eine für die Jahreszeit außergewöhnliche und lang anhaltende Schlechtwetterperiode ein. Kein Tag verging, ohne das es regnete. Es wurde merklich kühl und wir saßen mal wieder ungewollt fest. Neben uns weilten zu diesem Zeitpunkt drei argentinische Paare und eine argentinische Familie im Hostal. Mit dem argentinischen Paar aus Rosario, Valerie und Carlos, kamen wir schnell ins Gespräch, freundeten uns an und plauderten den lieben langen Tag lang.
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Valerie, Carlos, Don Tito und wir

Eines Abends dann, es war der 23.03.06, wir hatten alle zuvor mit Tito zu Abend gegessen, aus dem Ghettoblaster kam Salsamusik, fing Marina plötzlich aus der Laune heraus an zu tanzen. Als nächster fiel auch gleich Tito mit ein und ruck zuck waren wir alle am Tanzen. Aus dem einen Tanz wurde dann eine tolle Party, die bis in die Tiefe Nacht hineinging.

Über 3 Wochen dauerte es insgesamt, bis wir endlich weiter fahren konnten. Mittendrin hatten wir bereits schon mal einen Anlauf gewagt, doch bereits am zweiten Tag mussten wir kehrt machen, da der Regen als heftiger wurde. Auch wussten wir durch Fernsehberichte bereits, das weiter nördlich auf unserer Strecke, der Regen noch heftiger gewütet hatte und das z. T. Brücken von den Fluten weggerissen worden sind. In der Stadt, Tartagal, welche wir durchqueren mussten auf unserem Weg Richtung Bolivien, ist z.B. ein ansonst harmloses Bächlein zum reißenden Fluss geworden und hat einige Häuser weggeschwemmt. Doch gut 3 Wochen des Mühsieglebens waren dann doch zuviel des Guten. Kaum war die Regenfront am abebben und die Prognosen verhießen, zumindest für die nächsten Tage, regenfreies Wetter, sattelten wir auf und zogen los.
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Hochwasser und weggeschwemmte Brüpcken im "trockenen" Nordargentinien


Erneut fuhren wir nach San Pedro. Weitere Orte die folgten waren: Libertardor, Caimancito, Embarcacion und Tartagal. In Caimancito bzw. kurz danach (Aguas Caliente) konnten wir uns noch mal in warmem Thermalwasser tummeln. Als wir dann in Tartagal ankamen, konnten wir uns direkt vor Ort ein Bild von den Auswirkungen der heftigen Regenfälle machen. Doch wenn man die Bodenverhältnisse sieht, ausschließlich sandiger Boden und weis, dass auch hier, in den Bergen, kräftig abgeholzt worden ist, dann wundert man sich eigentlich, dass so eine Katastrophe nicht schon viel früher passiert ist.

Nach über 8 Monaten insgesamt in Argentinien sind wir dann, am 18. April 2006, bei Yacuiba in Bolivien eingefahren.



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