Tierra de cambas
(Land der cambas)

Am 18.04.2006 fuhren wir bei Yacuiba in Bolivien ein. Unser beider erster Eindruck war, wir haben uns verfahren. ...wir sind wieder in Indien! Kaum haben wir die Grenze passiert, da wimmelt es auch schon überall auf der Strasse von Menschen und rechts und links des Weges säumen unzählige kleinere und größere Geschäfte die Straßenfront.  Jetzt also waren wir "richtig" in Südamerika! Argentinien und Chile haben dagegen doch schon etwas, pauschal gesagt, europäisch angemutet.
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Die ersten Meter in Bolivien durch den Chaco

Vom Grenzort Pocitos waren es noch etwa 3 km bis nach Yacuiba. Die Strasse war etwas grob gepflastert und so holperten wir die letzten Kilometer an diesem Tag noch vorwärts. Es ist schon interessant, was eine Grenze so ausmachen kann. Die Unterschiede gegenüber Argentinien sind schon enorm. Vielmehr Leben spielt sich nun auf der Strasse ab, jeder hat etwas zu verkaufen. Einziger Haken an der Sache ist, dass es kaum noch Supermärkte gibt und alles auf dem Markt oder an kleineren Marktständen gehandelt wird. Da muss man dann erst einmal gut suchen und etwas rumfragen, bevor auch das gefunden hat, was man eigentlich suchte. Auch der Menschenschlag ist mit nur ein paar Metern über die Grenze merklich anders. Es gibt sehr viele Collas (Collas nennt man die Einwohner Boliviens aus dem Hochland), zu erkennen z.B. bei den Frauen an ihren Röcken und langen Zöpfen und die Cambas (Cambas nennt man die Einwohner Boliviens aus den Flachlandgebieten), welche eher brasilianischer Abstammung sind oder von den Ureinwohner dieser Regionen abstammen.

Unser nächster größerer Ansteuerungspunkt war Santa Cruz de la Sierra. Knappe 600 km war die Stadt entfernt und da unsere Route an dem Rande der Anden entlang laufen sollte, gingen wir erst einmal davon aus, dass die Strecke wohl ziemlich ausgeprägt sein müsste. Eingangs ging die Rechnung auch auf. Von Yacuiba ging es zuerst nach Villamontes, einem ziemlich staubigen Ort, dann nach Villa Marchareti, einem kleinen aber ziemlich süßen Ort und anschließend nach Boyuibe, einem ziemlich unbedeutenden Ort an der Route gelegen. Bisher, wie gesagt, waren die Tagestouren ziemlich erträglich, mit mehr oder weniger leichten bis mittelschweren Steigungen und Gefällen. Dann aber nach Boyuibe schraubte sich die Strasse unaufhörlich hinauf, um kurz darauf wieder hinunter zu gehen und danach wieder hoch usw. und so fort. Etwas geplättet erreichten wir endlich am späten Nachmittag Camiri. Um in den Ort einzufahren durften wir aber erst einmal die mühsam noch beisammen gehalten Höhenmeter wieder abbauen, denn die Stadt lag abseits der Strecke, steil bergab einem Seitental zugewendet. Zu unserer Freude galt es dann, am darauffolgenden Tag dies wieder auszugleichen.
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Bisher das erste Mal wo ein Polizeiposten unsere Papiere kontrolliert hat

Auch die nächsten zwei Etappen waren kaum besser, immer wieder ging es steil hinauf um darauf anschließend wieder hinunter zu gehen. Wir kamen gerade mit den letzten Lichtstrahlen im einem kleinen Nest Namens Guitiérrez an. Angeblich sollte es dort nur eine Übernachtungsmöglichkeit geben und so steuerten wir, nachdem wir mitten in den Ort eingefahren waren auch sofort das Gebäude an auf dem Alojamiento (Herberge) stand. Die Besitzerin bestätigte uns auch noch, dass es angeblich keine anderen Übernachtungsmöglichkeiten in dem Ort geben soll. Doch nachdem Mun Suk die beiden Zimmer, welche es dort gab, inspiziert hatte, war klar, dort konnte und wollte sie nicht übernachten. Die letzte Überholung der Zimmer muss dort wohl im vorletzten Jahrhundert stattgefunden haben und die Bettwäsche wird bestimmt erst nach jedem dritten Besucher gewechselt ...zu dem das man in so einem Fall immer erst der Zweite ist. Und wer weis wie viele Mitbewohner die Betten noch aufzuweisen hatten. Also war guter Rat erst mal teuer. Angeblich sollte es ja keine weitere Übernachtungsmöglichkeit in dem Ort geben und zum Weiterfahren war es auch längst zu spät. Mun Suk ließ sich davon aber nicht einschüchtern, stampfte allein ohne Rad los und ich blieb bei den Fahrrädern. Eine halbe Stunde später kam sie zurück, hatte so erfahren, dass es noch zwei weitere Alojamientos gab, aber für unsere Übernachtung hatte sie einen leeren Raum bei einer Schule gefunden, denn wir auf Nachfrage umsonst benutzen durften. Da es dort außer vier Wänden und einem Dach nichts gab stellten wir kurzerhand unser Zelt darin auf. Endlich mal wieder Zelten.

Auf Grund des Schweißes denn wir die Tage zuvor auf der Strecke gelassen hatten, dachten wir schon daran, dass die Strecke über den Altiplano, wie zuvor ursprünglich geplant, wohl vielleicht doch die bessere Wahl gewesen wären. Zumindest wäre es dort nicht so warm gewesen, aber höchst wahrscheinlich, da die Strecke zum grossteil dort unasphaltiert ist, doch die schwierigere Variante. Dieses Gedankenspiel war aber sowieso vergeblich, da wir ja unsere Weg bereits eingeschlagen hatten. Nach Guitiérrez ging es dann aber endlich, abgesehen von einigen wenigen Aufs und Nieder, wieder etwas flacher weiter. Santa Cruz war schon fast zum Greifen nahe.

Zwei Zwischenstops gab es aber noch, einer in Abapó, einem kleinen Ort direkt nach am Flussübergang des Rio Grande (auch Rio Guapay genannt) und danach noch einmal, kurz vor Zanja Onda, auf einer kleinen Milchfarm. Es war nämlich so, dass es auf dem weiteren Strecke nach Santa Cruz, ca. 70 km, keinen nennenswerten Ort mehr gab, in welchen man eine Übernachtungsmöglichkeit hätte finden können. Wild zelten war auch kaum möglich, da alles entweder eingezäunt war oder kaum zugänglich. So hielten wir kurzer Hand bei einem Grundstück an, welches einladen aussah und wo auf der Eingangspforte auch noch "Bienvenidos" (herzlich willkommen) stand. Wir fragten den Besitzer ob wir auf seinem Land zelten durften und dieser, zuerst etwas verblüfft über unser Anliegen, willigte dann dazu ein. Unter einem Vordach konnten wir unser Zelt aufschlagen und die frische Landluft genießen. Am nächsten Morgen jedoch, es sind halt nicht alle so gute Langschläfer wie wir, war es ab 05:00 Uhr früh (ist doch noch mitten in der Nacht, oder nicht?) mit der Nachtruhe vorbei. Die Kühe wurden gemolken und das Radio der Arbeiter hierzu voll aufgedreht. Ce la vie. So konnten wir, um kurz nach sieben, wohl unsere frühest begonnene Tagesetappe antreten.
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Die Kathedrale von Santa Cruz

Die restlichen Kilometer nach Santa Cruz verliefen, bis auf ein paar leichte Kurven, schnurstracks geradeaus und ziemlich flach. Schnell rollten wir so dahin und erreichten auch bald das Stadtende von Santa Cruz. Kilometerweit hat sich dann aber noch die Einfahrt bis ins Zentrum der Stadt erwiesen. Vor 13 Jahren war ich hier das letzte Mal, doch wiedererkannt habe ich auf dem Weg in die Stadt nichts mehr. Seitdem meinem letzten Besuch ist diese Stadt um fast 1 Millionen Einwohner gewachsen! Wahnsinn. Hatte die Stadt früher mit ca. 500.000 Einwohner mehr den Charakter eines großen Dorfes, so hat sie sich nun zu einer weit ausufernde, mittleren Großstadt gemausert. War glaubt gar nicht sich in Bolivien zu befinden, so viele schicke Autos kurven auf der Strasse herum. Santa Cruz ist zwar die teuerste Stadt Boliviens, doch für das ärmste Land bzw. eines der ärmsten Länder der Erde ein enormer Kontrast.

Die ersten Tage in Santa Cruz verbrachten wir in einem schicken Hotel, direkt im Zentrum neben der Kathedrale. Dann, wie der Zufall es so will, trifft Mun Suk einen koreanischen katholischen Priester, der uns einlädt, in einem Ausbildungszentrum was sie am Stadtrand von Santa Cruz betreuen, zu nächtigen, da es dort eine Etage mit Zimmern gibt, welche z.Z. gar nicht genutzt werden. Nach einem kurzen Inspektionsbesuch, es musste ja erst einmal geprüft werden ob die Angaben auch stimmen und ich in die vorhandenen Betten auch reinpasse (habe da so meine Schwierigkeiten, bei einem Bettenstandardmaß von 1,90 cm und einer Körpergröße von 1,96 cm). Zum Glück waren die Betten, wie vorher versprochen, am Fußteil offen, ich kann so meine Füße rausstrecken und wir wechselten daher nach vier Tagen im Ort das Domizil.

Centro Filomena heißt das Zentrum, in welchem nebenan auch gleich drei koreanische Pfarrer (zwei waren aber nur vor Ort, denn einer weilte z.Z. in Korea, auf Heimaturlaub) wohnten und im Ausbildungsgebäude selbst noch mal eine koreanische Haushälterin. Mun Suk konnte so endlich wieder ausgiebig koreanisch reden und auch das Essen, wir konnten dort in der hauseigenen Küche kochen, war teilweise wieder ziemlich koreanisch. Für mich war das Ganze ziemlich exotisch. Trifft man doch nicht aller Tage Koreaner in Südamerika und am wenigsten schon mal koreanische Pfarrer die hier missionarisch tätig sind.
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Blond und blauäugig, die Menoniten(kinder) in der Nähe von Santa Cruz

Da es nun für uns einen sicheren Ort gab, wo wir unsere Sachen bedenkenlos zurück lassen konnten, unternahmen wir von dort erst mal eine Tour zu den ehemaligen Jesuitensiedlungen in die Chiquitos Region. Mit dem Expresszug ging es nach San Jose de Chiquitos. Ein wirklicher Schnellzug, der durch die Pampa mit sage und schreibe 30 km/h braust. Auch die Klasseneinteilung war bei dem Zug interessant, denn neben der zweiten und ersten Klasse gab es noch die Pullman-Klasse. Da wir davon ausgingen, dass dies das non plus ultra sein müsste, der Preis zumindest gab dies wieder, da diese Klasse etwa doppelt so teuer war, wie die der ersten Klasse, hatten wir diese tags zuvor in Santa Cruz gebucht. Der einzigste Unterschied zu der ersten Klasse war jedoch, dass die Sitze nicht blank waren und einen Überzug hatten. Um das Ganze mit in einen deutschen Zugklassenmaßstab zu übersetzen: man denke sich 100 Jahre zurück, in die dritte Klasse und das diese Klasse seitdem nicht mehr überholt worden ist. Así es la vida.
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Jesuitenkirche in San Jose de Chiquitos

Unsere Rundfahrt durch die ehemaligen Jesuitensiedlungen führte uns noch nach San Rafael, San Ingnacio de Velasco und Concepción. Die von den Jesuiten dort errichteten Kirchen wurden alle um etwa 1998 restauriert und befinden sich daher in einem herrlichen Zustand. Wie wir in Santa Cruz zuvor erfahren hatten, findet dort in den Kirchen alle zwei Jahre ein internationales Barockmusikfestival statt. Leider kamen wir zu spät, denn zwei Wochen zuvor gastierte dieses Festival gerade dort. Schade. Zum Trost hatten wir aber bereits zuvor in San Jose zwei deutsche Weltreisepaare kennen gelernt. Jutta und Frank, welche mit dem Flieger, Bus und Bahn für ein Jahr um die Welt unterwegs sind und Heike und Frank, zwei Leidensgenossen, welche auch mit dem Rad und das bereits seit vier Jahren, um den Globus unterwegs sind. Es hat Spaß gemacht, sich endlich mal wieder auf deutsch mit Gleichgesinnten zu unterhalten.
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Wiedertreffen mit Freunden, Heike, Jutta und Frank sowie ich
 


Tocando el cielo más selva y polvo
(Den Himmel berührend sowie Dschungel und Staub)

Seit nunmehr 3 Monaten sind unsere Räder in Santa Cruz in Pension. Fast schon wissen wir nicht mehr, wie es ist im Sattel zu sitzen und seine tägliche Ration an Kilometern zu erarbeiten. Nun, untätig sind wir in dieser Zeit nicht gewesen und fast das ganze Land haben wir indes bereist, doch langsam wir es Zeit sich wieder auf echte „Fahrradreise" zu begeben. In ein paar Tagen, so in den ersten Stunden des August wollen wir es endlich wieder wissen und werden uns auf die eingestaubten Sättel schwingen. Mal sehen, was unsere eingeschlafften Muskeln so dann von sich geben werden.

Nachdem wir uns ein wenig von unserer Chiquitos Rundreise in Santa Cruz erholt hatten, sind wir dann am 02.06. mit dem Flieger nach Sucre aufgebrochen. Wir wollten die Teile des Landes, welche wir auf unserer anschließenden Weiterreise mit dem Rad nicht besuchen werden, so noch besichtigen. Hauptsächlich war diese Tour auch für Mun Suk gedacht, denn ich selbst hatte bereits vor 15 Jahren ausgiebig Bolivien bereits. Mir selbst fehlte jedoch auch noch ein kleiner Teil, nämlich der Salar de Uyuni, welcher diesmal auch auf dem Programm stand. Am Donnerstag den 02.06. wie gesagt sind wir diesmal sehr bequem, weil mit dem Flieger, in Sucre angekommen. Die weise Perle, wie die Stadt auch genannt wird, hat uns erst mal das angenehme Klima genießen lassen. Frühlingshaftes Wetter und angenehme Temperaturen, gepaart mit herrlichem Sonnenschein. Viel Programm hatten wir uns für diese Stadt nicht vorgenommen. Lediglich am darauf folgenden Sonntag stand der standardmäßige Touristenausflug zum Indiomarkt nach Tarabuco, etwa 80 km von Sucre entfernt, auf dem Plan.
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Die Kathedrale von Sucre

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Dorfschönheiten auf dem Markt in Tarabuco

Die letzten Wochen hatte ich schon in Santa Cruz nicht so viel Schlaf abbekommen, da hier in der Nachbarschaft ständig die ganze Nacht durch lautstark gefeiert worden ist und nun in Sucre quälte mich die zu weiche Schaumstoffmatratze des Hotels. Das für mich die Betten in 99,9% der Fälle hier sowieso zu kurz sind, damit habe ich mich ja schon längst abgefunden (die Beine hängen dann halt einfach unten raus), aber dazu auch noch durchgebogen schlafen, dass war dann doch zuviel des Guten. Also haben wir nach zwei Nächten das Lager gewechselt. Zum Glück aber hat die Stadt zum Ausgleich auch kulinarische Angebote, welche die erlittenen Strapazen anderweitig ein wenig wieder ausbügelten. Am Samstag Abend waren wir so auf dem Weg zum Schweizer Restaurant, um Fondue zu essen. Da hörten wir auf dem Weg zum Restaurant im Vorbeigehen aus einem Innenhof schöne Folkloremusik drängen. Heimlich lauschten wir am Tor ein wenig der Musik, denn wir waren der Auffassung, es handle sich um eine private Feier. Die Leute, die im Innhof saßen gaben uns jedoch zu verstehen, dass wir gerne eintreten dürfen, was wir natürlich prompt auch annehmen. Sehr erfreut genossenen wir das Spektakel, denn in dem kleinen Innenhof machte eine Gruppe von über 20 Personen Musik. Auch wurden einer Heiligenstatue, welche in einer Ecke des Innenhofes aufgebart war, Opfergaben dargebracht. Auch uns wurden so Alkohol, Zigaretten und Cocablätter dargeboten.
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Vorfeier für das Fest der Virgen de Guadalupe

Ziemlich spät verließen wir diese Zeremonie und fast hätten wir nichts mehr zu Essen bekommen. Doch hier nimmt man es mit der Zeit nicht ganz genau, so dass wir nicht mit einem knurrenden Magen zu Bett gehen mussten. Unsere nächste Etappe war Potosí, die höchstgelegene Stadt in ihrer Größenordnung auf dieser Erde. Zum Glück hatten wir uns in Sucre (2.790 m) schon ein wenig an die Höhe akklimatisiert, doch Potosi toppte das Ganze nochmals um 1.300 Höhenmeter. Das brachte uns in den ersten Tagen dann auch ein paar schöne Kopfschmerzen ein und jeder Schritt unterwegs bergauf wurde zu einem anstrengenden Akt. Die Minen im Cerro Rico, welche hier die touristische Hauptattraktion darstellen, haben wir nicht besichtigt. Mun Suk konnte ich nicht für eine solche Tour begeistern (aufschlussreich sind diese aber allemal) und auch ich selbst wollte mir dies nicht noch einmal antun. Denn bereits vor 15 Jahren hatte ich eine solche Tour schon einmal mitgemacht und danach konnte ich eine Woche lang kaum ordentlich laufen. Dies liegt daran das die Minen äußerst beengt und mit niedriger Höhe in den Berg getrieben worden sind, was dementsprechend damals bei mir dazu geführt hatte, dass ich über 4 Stunden lang fast nur in der Hocke gelaufen bin und mir dementsprechend einen tierischen Muskelkater zugezogen hatte.

Wir hatten uns bereits unsere Weiterfahrtickets nach Uyuni gekauft, denn der Salar de Uyuni stand nun auf dem Programm, da erfuhren wir, dass in zwei Tagen in La Paz ein großes Folklorefest stattfinden sollte. La Paz ist aber von Potosí ne gute Ecke weit entfernt und den Salar wollten wir auf jeden Fall besuchen. Was also tun? Nun, wir haben uns gesagt, dass wir dafür nun mal auf Reisen sind, um solche Dinge wahrzunehmen und somit haben wir kurzer Hand die Tickets gewechselt und sind so am darauf folgenden Tag nach La Paz aufgebrochen. Die ganze Nacht sind wir durchgefahren und am Samstag den 10.06. um 05:00 Uhr in La Paz angekommen und um 07:00 Uhr ging bereits das Fest los, welches sich komplett durch die ganze Stadt zog. El Gran Poder heißt das Fest, welches eines der größten und wichtigsten Festlichkeiten der Stadt darstellt.
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Tänzer auf dem Fest "El Gran Poder"

Den ganzen Tag lang bis in die tiefe Nacht hinein haben wir dem Treiben beigewohnt, um dann am übernächsten Tag wieder in den Bus zu steigen und um nicht gleich wieder 12 bis 13 Stunden im Bus zu sitzen zu müssen haben wir erst einmal einen Zwischenstopp in Oruro, ca. 4 Stunden von La Paz entfernt und sowieso auf der Strecke Richtung Uyuni liegend, eingelegt. Von dort dann haben wir uns mit dem Zug in Richtung auf den weiteren Weg gemacht. Welch eine Wohltat! Endlich einmal nicht so eingeengt, wie im Bus, sitzen und die Füße ausstrecken können. Leider gehören Zugverbindungen zur aussterbenden Gattung auf dem Lateinamerikanischen Kontinent und nur ein paar wenige Verbindungen haben bis in unser Zeitalter überlebt.

Uyuni als Stadt bietet kaum etwas. Dafür ist dieser Ort aber das „Gateway" zum Salar und demzufolge mit unzähligen Tourveranstalterbüros übersäht. Auch wir haben uns einem solchen Veranstalter, nach etlichen hin und her Suchen, anvertraut. Wir haben extra nicht den billigsten genommen, in der Hoffnung so ein zuverlässigeres Unternehmen gefunden zu haben, doch auf Tour war unser Auto dasjenige, was zuerst auf der Strecke liegen geblieben ist. Zum Glück war es aber keine tragische Sache und unser Fahrer hatte den Jeep nach einer halben Stunden wieder flott. Zu acht saßen wir in dem Toyota Landcruiser, sechs Touristen samt Fahrer und Köchin. Drei Tage hatten wir gebucht, um den Salar zu befahren und die Laguna Colorado und Laguna Verde zu besuchen. Auch wenn das Ganze eine ziemlich harte und extreme Tour war, etliche hundert Kilometern mussten eingepfercht in dem Jeep durch unwegsames Gelände absolviert werden und die Nächte waren bitterkalt (ca. -18°C.), doch gelohnt hat sich dieser Ausflug auf jeden Fall. In Worten kann man diese Landschaft kaum beschreiben, weswegen ich auch erst gar den Versuch dazu unternehmen will. Auch die Fotos, welche ihr hier sehen könnt, geben leider nur einen Teil wieder, was diese Landschaft ausmacht. Somit einfach gesagt: atemberaubend schön.
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Das Salzhotel auf dem Salar de Uyuni

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El Arbol de Piedra (Die Steinbaum Skulptur) geformt durch den Wind

Gut durchgefroren sind wir am 17.06. wieder in Uyuni zurück angekommen und am darauf folgenden Tag mit dem Bus nach Sucre, zum Rückweg nach Santa Cruz, aufgebrochen. Hier bei der Abfahrt in Uyuni passierte es dann, wovor man überall gewarnt wird: wir wurden um unsere Videokamera erleichtert. Von anderen hörte man das schon allzu oft, doch selbst hatte man das Gefühl, dass so etwas einem selbst nicht passieren kann. Und dann einen Augenblick der Unachtsamkeit nur und weg ist das Gute Stück. Alle Maßnahmen, die Kamera wieder aufzutreiben, wie z.B. eine Durchsuchung des Busses oder Anzeige bei der Polizei, haben natürlich nichts gebracht. Ce la vie, weg ist weg.

Am 22.06. waren wir wieder zurück in Santa Cruz. Die Fahrräder ruhten weiter in ihrem Gemach und die nächsten Tage sollten sie auch daran nichts ändern. Über drei Wochen verbrachten wir so in unserem Domizil und konnten endlich unsere von der Tour stark verschmutzte Wäsche mal wieder wachsen. Beide hatten wir aber gut zu tun, Mun Suk mit Berichte schreiben für ihren Blog und Vorbereitungen für ihr nächstes Buch und ich mit dem Aufbau einer neugestalteten Webseite. Da wir aber bereits fast 3 Monate im Land waren, mussten wir uns auch um unser Touristenvisum kümmern, um sich nicht illegal im Land sich aufzuhalten. Leider ist es aber in Bolivien kaum möglich im Land selber dieses Visum verlängern zu lassen, so dass der einzige Ausweg die Ausreise mit anschließender Wiedereinreise war. Somit stand als nächstes unsere Rundreise durch den Beni (Department im Norden des Landes) auf dem Programm.

Der Beni ist neben Santa Cruz das zweitgrößte Department in Bolivien und besteht hauptsächlich aus subtropischem Tiefland, welches von vielen großen Flüssen durchzogen ist. Ursprünglich wollten wir von Trinidad aus, welches wir zuvor am 12.07. mit dem Bus von Santa Cruz aus erreicht hatten, mit dem Schiff nach Guayaramerim aufbrechen. Ein Schiff war jedoch nicht aufzutreiben, denn eine feste Schiffsverbindung gibt es hier nicht. Die Alternative bestand daher entweder mit weiteren 30 Stunden im Bus über staubige und holprige Pisten zu fahren, um dann darauf auf gleicher Strecke wieder zurück zu kommen, oder mal wieder das Portemonnaie zu strapazieren und zu fliegen. Ihr ahnt es sicherlich schon, ja wir haben unser Portemonnaie ausgebeutet. Für uns führte auch kein Weg an Guayaramerim vorbei, denn dieser Ort war nun mal der Einzige „nahegelegene" Grenzort für uns. Den Rückweg haben wir dann aber, um nicht noch ein tieferes Loch in unser Budget zu reisen, dann doch mit dem Bus angetreten. Man glaubt gar nicht wir staubig so ein subtropisch feuchtes Gebiet sein kann. Zuerst hatten wir von Guayaramerim nach nur 5 Stunden Busfahrt einen Zwischenstopp in Riberalta eingelegt, doch am darauf folgenden Tag saßen wir bereits wieder über 16 Stunden im Bus, bis wir in Rurrenabaque ankamen. Wirklich, soviel Staub haben wir beide bestimmt zuvor in unserem ganzen Leben noch nicht geschluckt. Da weiß man doch was man an asphaltierten Strassen hat.
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Rurrenabaque - das Tor zum Amazonas

Rurrenabaque liegt herrlich gelegen, vor den Bergen und stellt das Tor zum Amazonischen Tiefland in Bolivien dar. Gleich um die Ecke hat es zudem noch einen großen Naturpark (Madidi), welcher zu den biologisch Artenreichsten auf unserem Planeten zählt. So haben wir denn mit dem Boot eine Tagestour dorthinein unternommen und beim Parkeingang auch gleich mal Freundschaft mit einem Ameisenbär zu schließen. Im Dschungel selbst, wir haben ihn anschließend ein wenig durchstreift, sieht man dann aber, außer Ameisen in Hülle und Fülle, kaum noch irgendwelche anderen Tiere. Es sei jedoch angemerkt, dass dies nicht an unseren schlechten Augen lag, nein, denn nach Auskunft unseres Guides gibt es in diesem Wald zwar eine unwahrscheinlich große Artenvielfalt nur halt nicht zu reichlich. Auf einer Dschungeltour muss man sowieso Glück haben, durch den dichten Wald überhaupt etwas zu erkennen bzw. zu sichten.

Die Wahl des Rückweges nach Santa Cruz stand wieder einmal bevor. Entweder zurück über Trinidad oder hoch in die Berge, um anschließend von La Paz aus mit dem Bus herunter zu kommen. Auf Trinidad hatten wir beide keine so rechte Lust mehr, denn dort war es feucht und heiß. Also haben wir uns nach Caranavi und anschließend nach Coroico aus aufgemacht. Stetig ging es nun bergauf und wieder einmal gut eingestaubt sind wir danach aus dem Bus ausgestiegen. Coroico ist mittlerweile ein sehr beliebter Ort bei Radtourenveranstaltern aus La Paz. Die werben damit, die gefährlichste Strasse der Welt zu befahren. Das Ganze kommt aber nicht von ungefähr, denn die Strecke von Coroico nach La Paz bzw. für die Radfahrer aus La Paz umgekehrt hat es auch in sich. Direkt am Hang klebend windet sie sich von 1700 m Höhe bis auf 4700 m Höhe hinauf. Am Straßenrand kann man oft etliche hundert bis tausend Meter tief direkt nach unten in den Abgrund sehen. Straßensicherung? Fehlanzeige, die Ganze Strecke ist bis kurz vor La Paz Schotter- und Staubpiste. An ganz uneinsichtlichen längeren Strecken gibt es dann aber Straßenposten, ausgestattet mit grünen und roten Fahnen. Man kann da dann nur hoffen, dass die sich mit den Farben nicht vertun.
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Gewürzstand in den Strassen von Coroico

In La Paz hat es mich dann gebeutelt und einen ganzen Tag lang habe ich flach gelegen. Zu meinem Malheur muss ich mir unterwegs zuvor einen heftigen Bazillus eingefangen haben. In Coroico hatte ich schon etwas Halsschmerzen, doch in La Paz dann, mit der Höhe gepaart, hat es mich aus den Socken gehebelt und auf die Matte gelegt. Zum Glück hat das Ganze sich am darauf folgenden Tag dann schon wieder etwas gebessert, so dass wir unsere Rückreise mit dem Bus nach Santa Cruz antreten konnten. Nach 18 Stunden Nonstop-Fahrt sind wir dann mal wieder in Santa Cruz angekommen. Hier liegt nun Mun Suk flach. Auch sie konnte wohl dem Virus nicht wiederstehen.
 


Que pasó, pasó
(Was passieren wird, passiert)

Nun hat es mich auch erwischt. Am 24.08.2006, nach nur 700 Metern, wir wollten uns gerade aus Cochabamba aus auf den Weg nach La Paz machen, hat es mich gebeutelt und mein treues Fahrrad erlitt einen technischen K.O. Es war die berühmte „unachtsame Sekunde", denn ich hatte nur einen kurzen Blick auf meinen Fahrradcomputer geworfen, da denke ich schon im nächsten Moment: Warum fliege ich jetzt? Dieser Gedanke hielt aber nur den Bruchteil einer Sekunde an, denn schon fast im gleichen Augenblick landete ich unsanft auf dem Boden und konnte, nachdem ich mich schwerfällig etwas aufgerappelt hatte, sehen was mir und noch schlimmer, dem Fahrrad passiert ist. Denn in dieser unachtsamen Sekunde hatte ich am Straßenrand ein parkendes Taxi übersehen, auf welches ich aufgefahren bin. Zum Glück bin ich nicht schnell gefahren (ca. 15 Std./km werden es wohl gewesen sein) und am Taxi war nicht mal der Hauch eines Unfalles zu erkennen, doch mein Fahrrad sah alles andere als gesund aus.
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Mein Fahrrad - etwas geknickt

Fangen wir aber erst mal von vorne an. Nach über 3 Monaten des Nicht-Radfahrens saßen wir endlich wieder am 08.08.2006 im Sattel. Es ist uns schwergefallen, nach so langer Zeit des Verweilens uns wieder in den Sattel zu schwingen. Gut, so müßig sind wir in dieser Zeit ja auch nicht gewesen und haben fast das ganze Land per Bus erkundet, doch unsere Hinterteile und Beinmuskulaturen meldeten sich nach ein paar Kilometern sofort und beschwerten sich. Die Ausfahrt aus Santa Cruz war auch, obwohl total flach, alles andere als einfach. Es wehte ein heftiger Wind aus Norden, leider wie so üblich für uns aus der entgegengesetzten Richtung, der zu allem Übel auch immens viel aufgewirbelten Sand mit sich führte, so dass unsere Haut kräftigst sandgestrahlt wurde. Nach 30 km war zum Glück diese Tortour überstanden und wir machten uns auf die Suche nach einem Nachtquartier, doch als wir unsere Gesichter ansahen trauten wir uns nicht, so wie wir aussahen, in ein Hotel oder Hostal einzutreten. Total verdreckt durch die Erd- und Sandduschen von der Tour sahen unsere Gesichter fast schwarz aus. Eine Nottoilette war also erst mal angesagt und viel Toilettenpapier, unser Taschentuchpapierersatz, musste dafür herhalten.

Am nächsten Tag bogen wir gen Westen ein und der Wind kam somit nicht mehr von vorne. Der nunmehr vorhandene Seitenwind bremste zwar immer noch gewaltig ab, aber zum Glück um einiges weniger als tags zuvor. Auch ließen die Sand- und Erdflächen am Straßenrand nach, so dass das Sandstrahlen damit auch vorbei war. In Buena Vista verweilten wir zwei Tage, um unserem Muskelkater etwas abzumildern. Die Strecke verlief schnurstracks westwärts, gewellt mit sanften Hügeln. Es war, obwohl noch im tiefsten Winter, tropisch warm, so um die 30°C. und hoher Luftfeuchtigkeit. Die Tagesdistanzen wurden nunmehr auch länger und die Dörfer kleiner. Nach einem schweißtreibenden Tag kamen wir so in einem kleinen Nest, Namens Bulo Bulo, an. Man hatte uns zwar tags zuvor ein Alojamiento (einfache Herberge) dort empfohlen, doch als Mun Suk dieses inspizierte war ihre Enttäuschung groß, denn unseren hygienischen Mindestanforderrungen genügten dieses bei weitem nicht. Die einzelnen Details des Zustandes erspare ich mir lieber hier. Auch das zweite und letzte Alojamiento war da nicht besser, also was tun? Mun Suk´s Idee, bei der Kirche nachzufragen war die Notlösung. Zum Glück gab es dort ein von der polnischen katholischen Kirche aufgebaute Missionarsstation und nachdem wir direkt beim Pastor nachgefragt hatten, durften wir in einem der bereitstehenden Zimmer übernachten.
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Padre Thomas aus Polen und wir in Bulo Bulo

Weiter ging die Strecke durch subtropisches Tiefland, auch bekannt unter dem Namen Chaparé. Bekannt deswegen, weil dieses Gebiet eines der Hauptanbauplätze für Coca und deren Weiterverarbeitung zu Cocain ist. Gut, davon haben wir eigentlich überhaupt nichts mitbekommen, denn die Produktion befindet sich tief im Inland und ist bestimmt nur auf kleinen, unbekannten Pfaden zu erreichen. Doch allein schon durch diese Kenntnis verhält man sich vorsichtiger, was auch angebracht ist, denn falls man unachtsamer Weise auf die Idee verfallen sollte, irgendwo tiefer eindringen zu wollen, dann kann dies sehr unangenehme Folgen haben.

In Chimoré aßen wir guten Fisch, Surubí, zu Mittag. Ca. 10 km nach Chimoré, mitten auf dem Land, sah ich plötzlich ein Schild mit der Aufschrift: Kims Gimnasio (Tae Kwon Doo). Da es sich eindeutig um einen oder mehreren Koreanern handeln musste, welche hier mitten im Nirgendwo lebten fragte ich Mun Suk, ob sie nicht Lust hätte einen ihrer Landsleute aus Korea zu begrüßen. Also bogen wir auf das Grundstück ein und begrüßten die Familie. Nachdem die anfängliche Scheu vor uns vorüber war, denn selten hat die Familie dort Besuch und wir waren zudem die Ersten, welche z.T. aus Korea kommen und zudem noch mit dem Fahrrad unterwegs sind, ließ man uns nicht mehr vom Grundstück und wir mussten zwei Tage bei der Familie bleiben. Abends dann, wir hatten bereits ein gutes Asado gegrillt und verspeist, kamen dann noch Freunde der Kim´s aus Chimoré vorbei und ruck zuck gab es ein spontanes Fest, mit fröhlicher Salsamusik.
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Casa Kim mitten im berüchtigten Chaparegebiet

Aus dem kurzen Hallo wurden dann, wie gesagt, zwei Tage und zudem hatte Herr Kim gleich für uns, nachdem er ein Telefonat mit Cochabamba getätigt hatte, einen weiteren Kontakt für uns, bei Herrn Kang, in Cochabamba arrangiert. Zuvor fuhren wir aber erst mal bis Villa Tunari. Danach ging es eigentlich direkt nach Cochabamba, doch weil wir von der Strecke zuvor öfters gewarnt worden sind, die Passstrecke sollte ich Bau und durch den vielen LKW Verkehr gefährlich sein, nahmen wir von Villa Tunari aus den Bus nach Cochabamba. Diese Wahl erwies sich als gut, denn auf ca. 150 km ging es nicht nur stets bergauf, sondern es gab auf dieser Strecke auch keine Übernachtungsmöglichkeiten und durch die Bauarbeiten war die Strasse vielerorts eine ziemlich schwer befahrbare Piste.

In Cochabamba wurden wir somit bereits von Herrn Kang erwartet und nachdem wir den Bus am frühen Morgen verlassen und unserer Räder wieder aufgebaut hatten, kam Herrn Kang mit seinem Auto vorbei, um uns zu seinem Haus zu führen. Er war sehr interessiert an unserer Reise und schnell kamen wir so ins Plaudern. Er fragte uns auch nach unseren weiteren Plänen, was wir so in Cochabamba und danach weiter anstellen möchten. Da erzählte ich ihm, dass ich von einem Ort namens Toro Toro gehört hätte, welcher ungefähr 150 km von Cochabamba entfernt ist. Er sagte uns, das er selbst schon mal vor 15 Jahren dort war, aber auch Lust hätte, diesen Ort nochmals zu besuchen. So kam es, dass er einen Freund anrief und bereits am Nachmittag saßen wir wieder im Wagen und waren zu viert unterwegs nach Toro Toro. Die Fahrt, welche über 4 Stunden dauerte, war ziemlich anstrengend, denn es ging größtenteils nur über Pistenwege voran. So kamen wir denn spätabends in dem kleinen Nest Namens Toro Toro an.
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Ob Mun Suk in diese Fußstapfen wohl reinwachsen will?

Das Besondere an diesem Ort bzw. dieser Gegend ist zum einem seine fantastische Lage und zum anderen die Tatsache, dass dort vor Millionen von Jahren Dinosaurier ihre Fußabdrücke hinterlassen haben. Des weiteren gibt es dort eine große Höhle, mit vielen Stalaktiten, einen großen Canyon und ein paar Ureinwohner haben ein paar Hieroglyphen an Felswänden hinterlassen.

Nach zwei erlebnisreichen Tagen waren wir wieder zurück in Cochabamba. Hier verblieben wir noch ein paar Tage bei Herrn Kang, denn er wollte uns partout nicht gleich gehen lassen. Dann am 24.08. konnten wir uns endlich losreisen und Herr Kang wollte uns noch ein wenig des Weges eskortieren. Aber da, wie oben bereits geschrieben, passierte das, was nicht hätte passieren dürfen und nach nur 680 Metern mussten wir wieder kehrt machen und zum Haus von Herrn Kang zurückkehren. Mit geprellten Rippen saß ich nun dort, das Fahrrad ziemlich zerstört und zudem obendrein Mun Suk´s Reiselust auf dem Nullpunkt. So oder so, einfach aufhören wollte ich sowieso nicht und zum Weitermachen, egal wie, muss das Fahrrad erst mal in Stand gesetzt werden. Also mussten Fahrradersatzteile aus Deutschland geordert werden, denn Rahmen mit den besonderen Spezifikationen und in dieser Qualität sind hier absolut nicht zu bekommen. Bis jedoch die Teile hier eintreffen werden, was gut einen Monat dauern kann, wollten wir nicht tatenlos in Cochabamba rumsitzen. Zudem gab es in Sucre noch ein Fest, Virgen de Guadelupe, welches wir uns sowieso nicht entgehen lassen wollten. Also ging es mal wieder altgewohnt mit dem Bus nach Sucre.
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Tanzende Cholitas

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Tanzende Campesinos

In Sucre konnten wir bei Freunden (Eva und Ramiro samt Kindern Christian und Stefan), welche wir zuvor bei unserem ersten Besuch in Sucre kennen gelernt hatten, unterkommen. Das Fest bestand zum Hauptteil aus einem Umzug von ca. 60 Gruppen, herbeigekommen
[teilen] - 20 La Virgen de Guadelupe (die heilige Jungfrau von Guadelupe)
aus dem ganzen Land. Viele unterschiedliche Folkloregruppen, mit ihrer Musik und Tänzen, konnten wir hautnah miterleben. Alles war am Feiern und Tanzen oder auch nur am zuschauen.

Nun, nachdem das Fest überstanden ist, verbleiben wir noch ein paar Tage bei Eva und Ramiro und hoffen, das unsere Ersatzteile endlich ankommen werden und wir unsere Tour endlich wieder fortsetzen können.
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Eva, Ramiro und Kinder



Tiempo de esperanza
(Zeit des Wartens)

Fast zwei Monate hatte es gedauert, bis die ersehnten Ersatzteile aus Deutschland bei uns in Cochabamba eintrafen. Am 20.10.2006 konnte ich endlich den Fahrradrahmen samt Gabel und neuem Schutzblech in Empfang nehmen.

Doch ein kleiner Rückblick zuvor, was wir in der Zwischenzeit noch unternommen hatten. Das Fest der „Virgen de Guadalupe" war vorüber und wir blieben noch ein paar Tage bei Ramiro und Eva in Sucre. Hier konnten wir gut relaxen und das Stadtleben genießen. Sucre, auch die weiße Perle Südamerikas genannt, ist ja eigentlich die Hauptstadt Boliviens. Merken tut man davon jedoch so gut wie nichts, denn de facto ist La Paz die eigentliche Hauptstadt. Dort gibt es den Regierungssitz und die Stadt ist zudem fast 10 mal größer als Sucre. Dies gereicht aber Sucre eigentlich nur zum Vorteil, denn das Leben läuft hier ruhiger ab, ist überschaulicher und die Stadt ist gespickt mit vielen Kolonialen Gebäuden.
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La Recoleta in Sucre

Nach Sucre haben wir uns am 22.09. auf den Weg nach Copacabana gemacht. Nein nicht nach Brasilien, sondern zum gleichnamigen Ort in Bolivien, am Titicacasee gelegen. Dem vorausgegangen war erst mal eine lange und bitterkalte Nachtfahrt in einem unbequemen Bus bis La Paz. Hier kamen wir um 05:30 Uhr morgens an. Eigentlich wollten wir unser Stammhotel in La Paz, gleich neben dem Busterminal aufsuchen, doch man wimmelte uns über die Sprechanlage ab, mit der Aussage, alle Zimmer seien besetzt. Bestimmt gab es noch freie Zimmer, doch der Nachtwächter hatte wohl keine Lust dazu, uns in eines einzutragen. Durch die Stadt wollten wir jedoch so früh morgens und bei der Kälte, es waren so glaube ich um die +5°C., auch nicht rumlaufen, so dass wir wieder zum Busbahnhof zurückgingen, um uns dort ein wenig hinzusetzen und vor der Kälte ein wenig geschützt zu sein.

Als wir so, gut durchfroren, im Busterminal saßen, machte Mun Suk eine kleine Aufwärmrunde durch die Halle. Laut Reiseführer hatten wir die Information, dass vom Hauptbusterminal keine Busse nach Copacabana abgehen sollten. Doch wie Mun Suk so im Terminal herumlief, konnte sie einen Schalter entdecken, welcher wider Erwartens doch Busfahrten nach Copacabana anbot. Unausgeruht und durchfroren saßen wir so um 08:00 Uhr wieder in einem Bus, auf dem Weg nach Copacabana. Von der schönen Strecke haben wir dann aber nur sehr wenig mitbekommen, denn die meiste Zeit dösten wir im Bus nur vor uns hin. Nach der Fahrt, als wir gut ermattet gegen 13:00 Uhr in Copacabana ankamen, gesellten sich zu unserem Zustand dann noch Kopfschmerzen (wohl wieder einmal durch die Höhe, Copacabana liegt auf 3800 m) und eine einsetzende Erkältung (die durchfrorene Nacht im Bus lässt grüßen) dazu. So ist dann anschließend die obligatorische Zimmersuche zu einer ziemlich anstrengenden Angelegenheit ausgeartet.

Am nächsten Tag dann, dank Aspirin ging es uns wieder etwas besser, unternahmen wir dann leichtsinniger Weise gleich einen Aufstieg auf den Hausberg von Copacabana. Ein Pilgerweg führte, teils über Stufen, steil den Berg hinauf und viele Leute waren an diesem Tag unterwegs, denn es war Sonntag und die Frühmesse musste wohl gerade zu Ende gegangen sein. Ca. 400 Höhenmeter dürfte wohl der Aufstieg gewesen sein und oft mussten wir Zwangspausen einlegen, da uns die Luft einfach zu dünn geworden ist. Oben angekommen entlohnte jedoch dann der wunderschöne Blick über die Stadt und über den See für die Strapazen. Tags darauf durfte ich jedoch für meinen Übermut bezahlen, denn ich lag mal wieder ziemlich flach, mit heftigen Kopfschmerzen danieder. So haben wir dann auch keinen Ausflug zur Isla del Sol unternehmen können oder wollen, denn die Kraft und somit auch Lust dazu war einfach nicht vorhanden.
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Traditionelle Rituale am Berg in Copacabana

Nach zwei weiteren Tagen des Kurierens machten wir uns wieder auf den Rückweg nach La Paz. In La Paz hatten wir dann am 28.09. die Nachricht erhalten, dass unser Paket endlich von Deutschland abgesendet worden war und es voraussichtlich, in 4 bis 6 Tagen in Cochabamba ankommen sollte. So machten wir am darauffolgenden Tag schnell noch einen Abstecher nach Tihuanaco und tags darauf wollten wir uns dann auf den Rückweg nach Cochabamba machen. Doch der bolivianische Nationalsport, Strassen blockieren, machte uns nun einen Strich durch die Rechnung. Die Hauptverkehrsachse, zwischen La Paz und Cochabamba war zu, denn ein paar Minenarbeiter blockierten die Strasse. Man muss dazu sagen, dass Straßenblockaden hier wirklich so etwas wie eine Art Nationalsport sein müssen, denn wenn irgendjemand, irgendetwas auszusetzen hat, z.B. an der Regierung oder an seinen Arbeitsbedingungen oder sonst etwas, dann macht er halt mit einer Gruppe eine Straßenblockade. Es mögen ja größtenteils legitime Interessen sein, die diese Gruppen oder Personen verfolgen, dass sie dadurch aber das ganze Land parallelisieren und teilweise oder sogar auch ganz lahm legen, scheint diese Leute wenig zu interessieren. Wie soll da ein Land vorankommen, welches fast alle zwei Wochen irgendwo eine Straßenblockade hat. Kennen die denn keine anderen Ausdrucksformen des wirksamen Verhandelns? Wäre doch ein guter Ansatzpunkt für Entwicklungshilfeprojekte: Formen des sozialen Protestes (ohne gleich das ganze Land lahm zu legen).
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Ein Teil der Anlage von Tihuanaco

So saßen wir also doppelt fest. Jeden Tag waren wir morgens und nachmittags im Busterminal, um zu sehen ob irgend etwas wieder voranging, doch ohne Erfolg. Am dritten Tag sagte man uns sogar, nachdem eigentlich tags zuvor es so aussah, dass die Blockaden aufgehoben werden sollten, dass nun die Straßenblockade sogar noch schlimmer sein sollen, da sich nun die Mineros (Minenarbeiter) sogar mit Dynamit bewaffnet hätten sollen. Unsere Eile war zwar nicht ganz so groß, denn erwartungsgemäß mahlen die Mühlen hier langsamer und die angegebenen 4 bis 6 Tage Lieferzeit des Paketes waren m.E. sowieso zu optimistisch (10 bis 14 Tage waren da wohl eher realistisch), doch ohne zu wissen wann man weiterkommen kann, ist auch diese Situation ohne Zeitstress ziemlich nervig. Am 5.Tag jedoch war die Blockade, so schnell wie sie gekommen war, dann auch wieder verschwunden. Schnell packten wir daher unsere Habseligkeiten zusammen und nahmen den nächstmöglichen Bus, denn man kann ja nie wissen.

Natürlich war auch nach 8 Tagen immer noch kein Paket da. So machten wir uns tags darauf auf den Weg zur DHL Niederlassung in Cochabamba. Aber auch hier Fehlanzeige, denn mit der Kopie des Paketscheines aus Deutschland, von der Deutschen Post/DHL, konnte man hier nichts anfangen. DHL hier fühlte sich sogar gar nicht dafür zuständig und man verwies uns an das Unternehmen XY. Welches Unternehmen das nun aber sein sollte, konnte uns die nette Dame bei DHL nun auch wieder nicht sagen. Frustration machte sich breit. Um nicht ganz untätig zu sein gingen wir daher direkt beim Zoll und auch bei der normalen Post vorbei, doch auch hier war noch kein heiß ersehntes Paket für uns da. Die nächsten Tage wiederholten wir dieses Prozedere etliche Male, aber immer wieder ohne Erfolg und ohne zu wissen, wo das Paket letztendlich hängen geblieben ist. Auch ca. 7 Emails an DHL in Deutschland blieben ohne Erfolg, denn die haben sich erst gar nicht darauf zurück gemeldet. Saftladen DHL!

Als schon fast alle Hoffnung abhanden gekommen war, kam endlich die erlösende Meldung, dass ein Paket für uns da ist. 21 Tage hat somit der Versand gedauert, für den wir 94,00 Euro hatten bezahlen dürfen (Paket Luftpost) und welcher angeblich nach 4 bis 6 Tagen hätte da sein müssen. Nochmals, DHL ist ein Saftladen, doch Alternativen (Spedition oder Kurierversand) waren leider unbezahlbar teuer. Nun mussten schnell noch die Zollformalitäten erfüllt werden, was etwa einen halben Tag in Anspruch nahm, doch dann hatte ich endlich alles in Händen, was ich zum Neuaufbau meines Rades benötigte. Der Aufbau des Rades ging dann auch ziemlich flugs von statten, obwohl er letztendlich doch zwei Tage in Anspruch nahm, da Petrus mir eine nasse Zwangspause von einem halben Tag auferlegte. Dann war es aber endlich geschafft, das Rad war zusammen gebaut und alles funktionierte wie es auch funktionieren sollte. Unser Touristen Visum war bereits gute 12 Tage überschritten, an einem gemütlich hochfahren nach La Paz und außer Landes fahren mit dem Rad war daher nicht mehr zu denken. Also besorgten wir uns zwei Busticket und am 23.10. ging es endlich wieder weiter auf unserer Tour. Am 24.10.2006 überquerten wir so die Grenze nach Peru.

Am 23.10. 2006 konnten wir uns dann endlich auf den Weg machen.

Und an dieser Stelle zum Schluss noch ein allerherzlichstes Dankeschön an unseren Gastgeber Herrn Kang in Cochabamba. Bekannt auch als Maestro Kang, denn Herr Kang (8.Dan Black Belt) ist einer der Ersten gewesen, die den Taekwondo Sport nach Bolivien gebracht haben.
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Maestro Kang in seiner Taekwondoschule in Cochabamba


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