Lluvia, Lluvia, Lluvia
(Regen, Regen, Regen)

Als sich am 18.08.05 der erste Sonnenstrahl nach 5 Regentagen in Villa La Angostura (Argentinien) zeigte, sattelten wir sofort unsere Räder und nahmen das letzte Stück argentinischer Strasse in Angriff. Vor uns lag der Samore-Pass, unser erster Andenpass! Seine Höhe ist mit über 1300 m für Andenverhältnisse zwar ziemlich bescheiden, doch es war ja mitten im Winter und es war unser Erster Andenpass. Zu Anfangs ging es noch verhältnismäßig gemütlich zugange und so fuhren wir zuerst an zwei Seen der „Siete-Lagos" Region (sieben Seen Gebiet) vorbei. Aber schon kurz danach schraubte sich die Strasse unnachgiebig den Berg hinauf und je höher wir kamen, desto höher wurden auch die Schneehalden neben der Strasse. Zum Glück war die Strasse eis- und schneefrei. Doch kaum hatten wir den Pass erklommen und freuten uns schon auf eine schöne Abfahrt, mussten wir enttäuscht feststellen, dass die Chilenen mit den Straßenräumarbeiten nicht so fleißig waren und große Teile der Strecke noch fest vereist waren. Ich wollte zwar trotzdem hinunterfahren, doch Marina war dies zu ungeheuer und sie weigerte sich vehement. Der Schrecken der letzten Stürze, im Park „Los Alerces", steckte ihr noch in den Knochen und so half auch kein gutes zureden.
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Holzkirche in Castro auf der Insel Chiloe

Aber irgendwie sind wir Glückspilze bzw. es gibt immer irgendwie einen guten Ausgang. Denn kaum war, wie gesagt, die Abfahrt nach Chile nicht durchführbar, da bot sich auch schon ein hilfsbereiter Chilene samt Camioneta (Pick-Up PKW) an, uns bis an den Grenzposten, welcher ca. 10 km entfernt bergab lag, mitzunehmen. Zwar glücklich über diese Hilfsbereitschaft, doch auch leicht frustriert war ich. Denn eine Abfahrt, gerade nach einem langen Berganstieg, lass ich mir halt nicht so gerne entgehen.

Wir luden unsere Sachen am Zoll ab, bepackten die Räder, passierten den Zoll mühelos und fuhren weiter bergab, auf der Suche nach einem Nachtquartier. Dort wo wir Überanachten wollten war leider geschlossen. Also weiter die Strasse entlang. Mittlerweile war es aber schon nach 19:00 Uhr und unaufhörlich senkte sich die Dämmerung und es wurde dunkler und dunkler. Da kam von hinten ein Fahrzeug heran und schon von einiger Entfernung hupte er uns an und gab uns Lichtzeichen. Wir hielten an, denn wir dachten, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein musste. Aber es war lediglich ein Zollmitarbeiter (Rodrigo), mit welchem wir uns zuvor unterhalten hatten, der sich nun anbot, uns samt Fahrrädern und Gepäck in seinem „Minitransporter" mitzunehmen. Klein war das Fahrzeug wirklich (Citroen Visa mit Ladefläche) und so war ich ziemlich ungläubig, dass dies funktionieren sollte. Doch Rodrigo klappte kurzerhand die Rücksitzbank um, schob seinen Sitz so weit als möglich nach vorne und bis unter die Decke beladen und wir beide auf dem Beifahrersitz, ging es dann erneut per PKW weiter.
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Gefährliche Strassenzeichen?

Es zeigte sich auch alsbald, dass die Entscheidung, mit Rodrigo mitzufahren, keine schlechte war. Denn unser eigentliches Ziel für diesen Tag, Aguas Caliente, lag doch noch ziemlich weit entfernt und zudem wieder bergauf. Doch als wir dort ankamen und den Preis für die Übernachtung erfuhren, bot sich Rodrigo sofort an, uns noch bis zu dem Ort mitzunehmen, wo er wohnt. Der Preis hätte mit über 120,00 Euro ein ziemliches Loch in unser Budget gerissen. Wir waren geschockt von dem Preisniveau, hatten wir doch in Argentinien kaum mehr als 15,00 bis 20,00 Euro für eine Übernachtung ausgegeben. So fuhren wir als mit Rodrigo weiter bis Entre Lagos und hier konnten wir dann auch zum Glück eine schöne Cabaña (Bungalow) für rund 15,00 Euro mieten.

Unsere Entscheidung tags zuvor, sofort aufzubrechen, war goldrichtig gewesen. Denn schon am nächsten Tag regnete ohne Unterbrechung und für den Pass bedeutete dies viel Schneefall. Nun der Regen hielt auch die nächsten Tage weiter an und wir waren wie gefangen in unserer Cabaña. Die Stimmung, auf Fahrrad weiter zu fahren, war daher gleich Null. So nutzten wir diese Schlechtwettertage um einen Ausflug mit dem Bus in den Süden auf die Insel Chiloé zu machen. Die Wetteraussichten für diese Insel waren zwar alles andere als trocken, immerhin 5000 mm Niederschlag pro Jahr gibt es dort, doch zum Glück war der Wettergott dort im großen und ganzen mit uns gnädig gestimmt. So wechselten sich dort Regen und Sonne ständig ab und wir mussten wohl auch ein paar Tage erwischt haben, die weit unter dem Niederschlagsdurchschnitt lagen. Auch waren wir heilfroh, hier nicht mit unseren Rädern hergekommen zu sein. Denn so schön und interessant diese Insel auch ist, es gibt dort tierisch viele Hügel mit extremen steilen Anstiegen.

Nach einer Woche kamen wir wieder nach Entre Lagos zurück, doch noch immer war eine Wetterbesserung nicht in Sicht. Eine weitere Woche waren wir so in unserer Cabaña gefangen und wir vergnügten uns mit viel Essen und ein paar kleineren Spaziergängen zwischen den Regenschauern. Dann endlich hatte Petrus ein Einsehen und er schenkte uns 3 regenfreie Tage. Diese nutzten wir, um endlich mal wieder etwas Gutes für unsere Räder zu tun. Bis Valdivia kamen wir so und legten dabei auch einen guten Tagesdurchschnitt, mit etwa 85 km, hin. Aber, wie es der Titel schon sagt, auch hier dann wieder Regen, Regen und noch mehr Regen.
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Traditionelle Häuser in Valdivia
 


Subidas y bajadas
(Berg- und Talfahrt)

Valdivia haben wir schließlich nach sieben Tagen Regen-Zwangs-Stop am 07.09.2005 verlassen, bei, sage und schreibe, strahlendem Sonnenschein. Welch eine Erholung. Nach einer Woche wieder auf dem Rad zu sitzen und dazu noch den frühlingshaften Sonnenschein zu genießen. Zwar bedurfte es ein wenig der Wiedereingewöhnung, die Muskeln waren zuvor schon wieder auf Müßiggang programmiert, doch nach ein paar Kilometern war auch dies wieder im Lot.
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Eine geniale Erfindung, kippbare Abfalleimer als öffentliche Hundefütterstelle

Unser nächstes größeres Ziel, wo wir ein wenig „gewollt" pausieren wollten, war Villarica. Da wir uns zuvor ziemlich ins Zeug gelegt hatten kamen wir dort dann auch schon nach zwei Tagen an. Nun gut, warum auch mal nicht bewusst genießen! Das Ganze hatte aber auch den Hintergrund, dass wir dort zum einen ein Schweizer Ehepaar treffen wollten und zum anderen auf eine Ersatzteillieferung aus Deutschland warteten. Bei dem Schweizer Ehepaar handelt es sich um Claudia und Beat Zbinden, welche selbst mit dem Rad (oder Velo, wie man in der Schweiz zu sagen pflegt) von 1995 bis 1997 um die Welt gefahren und nun in Villarica sesshaft geworden sind und dort eine Herberge (Torre Suiza) betreiben.
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Der aktive Vulkan Villarica

Die Ersatzteile warteten dann auch schon bereits auf uns in der Herberge. Es handelte sich dabei um Speichen für unsere Hinterräder. Voller Vertrauen und auf Basis der Erfahrungen unserer letzten Reise, hatte ich nur fünf Ersatzspeichen mitgenommen. Da sich auf unserer jetzigen Reise aber bald schon zeigte, dass mein Hinterrad, wohl auf Grund der zusätzlichen Pfunde (sowohl gepäckmäßig auf dem Rad, als auch körpermäßig angefutterte), doch des öfteren nach neuen Speichen verlangte, war eine Eilnachlieferung angesagt (erst später bemerkte ich und bekam dies auch von unserem Fahrradlieferanten bestätigt, dass der Grund für die Speichenbrüche in einer mangelhaften Materialqualität der Felge lagen. Die besten Felgen sind halt doch nicht immer gut genug.). Also die Teile waren da und die Freude darüber war groß. Doch Murphy's Law sollte man nicht aus den Augen lassen, denn es kommt natürlich wie es kommen muss, in so einen Fall: es waren leider nicht die richtigen Speichen. Dazu sei noch angefügt, dass man die Speichen, welche wir benötigten, in der entsprechenden Länge weder in Argentinien, noch in Chile bekam. So wurde denn aus der Vorfreude ziemlich schnell Frustration, denn zu allem Übel war auch schon die letzte Ersatzspeiche kurz zuvor aufgebraucht worden. Da also Not am Mann bzw. Rad war, wurde also kurzerhand zum Telefon gegriffen, um unseren Fahrradlieferanten anzurufen. Dem war denn auch das Ganze etwas peinlich und er versprach uns, sofort eine Ersatzlieferung nachzuschicken. Vorweg sei schon gesagt, dass das dann auch gut geklappt hat und nach ca. 10 Tagen kamen dann die Ersatzspeichen, diesmal in der richtigen Länge (Hurra!!!), an (wir waren da zwar schon bereits wieder unterwegs, aber Beat hat uns dann die Speichen per Bus nachgesendet).

Nach vier Tagen erneuter Müßigkeit haben wir uns dann aber wieder auf den Weg gemacht. Ein stürmischer Wind, mit orkanartigen Böen, hat uns die ersten Kilometer begleitet. Ging es vorher Richtung Villarica bergauf, so ging es nun, nein leider nicht nur aber doch zum größten Teil, bergab. Um aber dem Titel dieses Kapitel gerecht zu werden, ging es die nächsten Tage ziemlich oft bergauf und bergab. Denn um nicht nur der Panamericana (Autobahn) Richtung Norden zu folgen, haben wir, sobald es sich anbot, einen Abstecher von ihr gemacht. Das hatte aber auch jedes Mal zur Folge, dass ein Gebirge gequert werden musste. Unser erster Abstecher war dann auch bereits nach zwei Tagen, nach Villarica, Richtung Westen an die Pazifikküste. Die westlichen Kordilleren sind zwar bei weitem nicht so hoch wie die Anden, doch die chilenischen Straßenplaner haben sich anscheinend besonders viel Mühe gegeben, die Strassen nicht am Rand der Berge zu führen, sondern immer schön darüber hinweg. Ein ständiges auf und nieder ist davon die Folge gewesen. Und obwohl die Hügel bzw. Berge, wie gesagt, nicht so hoch waren, teilweise saumäßig steil waren die Steigungen schon. Marina hat das Ganze dann auch nach drei Tage so zugesetzt, das ihre Stimmung reisemäßig auf einen Tiefpunkt angelangt war und sie keine Lust mehr auf diese „Schinderei" hatte. Die Landschaft war immerhin sehr schön mit vielen Wäldern, so weit das Auge reicht, aber dies hatte den Haken, das in diesem Gebiet vorwiegend Forstwirtschaft betrieben wird und dadurch extrem viel LKW-Verkehr, schwerbeladen mit Baumstämmen, stattfindet. Ist schon ein mulmiges Gefühl, wenn so ein 10. bis 20.Tonner mit Hochgeschwindigkeit an einem hautnah vorüberzieht. Noch schlimmer bzw. unangenehmer sind eigentlich die entgegenkommenden LKWs, denn der Windstoß, welcher einem dann mit voller Wucht entgegenkommt ist enorm und kann einen ordentlich durchwirbeln.
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Gemütliche Mittagsrast

Um Marinas Frustrationen ein wenig wieder auszubügeln und um den drohenden Feiertagen, der 18.09. ist Nationalfeiertag (Befreiung von den Spaniern) in Chile, aus dem Weg zu gehen, haben wir uns eine schöne Cabaña am Lago (See) Lanalhue bei Contulmo, mit Blick auf den See, gemietet. Diese Medizin hat zum Glück gewirkt und Marinas "Reisegeister" kamen langsam wieder zurück. Die Tage darauf waren schon wieder ziemlich anstrengend, viele Berge, steil und viel Verkehr, doch nach 4 Tagen sind wir dann in Concepcion, einer mittleren Groß- und Hafenstadt, eingetroffen.

Endlich wieder große Supermärkte und Stadtleben
J. Zuerst war dann aber erst mal wieder ein Wäschewaschtag angesagt, denn unser mitgeführter Wäschevorrat war aufgebraucht. Auch galt es unsere Emails einmal zu überprüfen und welche zu versenden. Und zur Abwechslung, nach fast zwei Wochen, gab es dann auch mal wieder Regen. Concepcin selbst ist Chiles drittgrößte Stadt, welche an Chiles größten Fluss, dem Biobio liegt. Weiterhin besitzt Concepcion bzw. Talcahuano (dürfte wohl eine eigene Stadt sein oder vielleicht auch nur ein Stadtteil) den größten Hafen Chiles. Dann, am 3.Tag, wir wollten gerade wieder aufbrechen, passierte etwas, was bestimmt reif für einen Guinessbucheintrag ist. Wir stellten einen neuen Rekord im Kurzstreckenfahren auf. Sage und schreibe 12,5m fuhren wir und das auch pro Rad J. Gut ausgeschlafen und mit gesattelten Rädern fuhren wir am 28.09. vom Hotelparkplatz. Dann aber, den Wetterfröschen zum Trotz, Sonnenschein mit leichter Bewölkung war vorhergesagt worden, vielen dicke Tropfen vom Himmel und es sah alles andere als freundlich am Firmament aus. Auch das Abwarten half da nichts mehr und wir haben, nach einer kurzen Ausfallpassage (die besagten 12,5m) kehrt gemacht und sind wieder zum Hotel zurückgefahren. Nun ja, Rekorde kann man auch in die andere Richtung aufstellen, oder?
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Ein waschechter Chilene

Einen Tag später hatte der Wettergott dann aber wieder ein Einsehen mit uns und wir konnten weiter fahren. Weil aber Marinas Reisefrust nun wieder in Reiselust umgeschlagen ist, ja so schnell kann das gehen, war diesmal nur ein Tag Autobahn angesagt, bevor es wieder nach Westen (ja schon wieder Westen, aber der östlich seitens der Panamericana gibt es leider keine Nord- Südverbindung bzw. Schlenker die man machen kann) ging. Ziemlich abseits lag diese Strecke, mit nur kleinen Orten auf der Route. Doch schon der Einstieg, in diese Runde, hat uns aufgemuntert, denn zum ersten Mal in Chile, hat vor uns ein Fahrzeug angehalten und vier Leute warteten auf uns, um mit uns zu plaudern. In Argentinien hatten wir dies zuvor schon mehrfach erlebt. Die Chilenen jedoch sind da um einiges mehr zurückhaltend und so hat denn dieser Empfang auf offener Strasse uns ehrlich Freude bereitet.

Nach 1½ Tagen erreichten wir, wieder einmal, den Pazifischen Ozean. In einem kleinen Dorf, Pelluhue, ließen wir uns nieder. Eigentlich wollten wir dort nur 2 Tage bleiben, doch aus zwei sind dann kurzerhand 7 Tage geworden. Diesmal, um Petrus in Schutz zu nehmen, war nicht das Wetter daran schuld. Nein, diesmal waren wir es selber. Wir hatten eine Cabaña mit Blick aufs Meer und für 4 Tage haben wir zudem unsere Drahtesel mit großen Vierbeinern, hier caballo (Pferd) genannt, getauscht. Wer meine Frau Marina und ihre Angst vor Tieren kennt, wird sich da wohl wundern. Doch nachdem wir einen Proberitt am Strand gemacht hatten, hatten wir kurzerhand beschlossen, noch 3 weitere Pferdetage einzulegen. Uns hat das Ganze sehr viel Spaß gemacht, mussten doch die Pferde diesmal die Arbeit übernehmen. Doch nach den 4 Tagen haben wir gemerkt, dass es in den Beinen wohl noch andere Muskeln gibt, als diese, die beim Rad fahren beansprucht werden. So hatten wir nach diesen 4 Tagen mal wieder einen schönen Muskelkater.
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Strandausflug per Pferd
 


Vino y el camino por el cielo
(Wein und der Weg zum Himmel)

Der Abschied von Pelluhue ist uns nicht gerade leicht gefallen, denn die Tage auf den Pferden waren eine schöne Abwechslung. Doch zum Glück wurde irgendwann der Reisedrang wieder stark genug, um sich auch aus der gemütlichsten Umarmung zu lösen. Viele von Euch, die unsere Reiseberichte lesen, haben sich bestimmt schon des öfteren gefragt, wie wir uns durch fremde und unbekannte Gegenden fortbewegen. Das Ganze ist eigentlich gar nicht so schwer. Denn zum einen haben wir Straßenkarten der jeweiligen Länder dabei und zum anderen holen wir uns meistens vor Fahrtantritt Auskünfte über die anstehende Strecke bei „ortskundigen" Leuten ein. Die Straßenkarten, wenn auch mit dem Maßstab von ca. 1:4.000.000 nicht gerade sehr übersichtlich, geben uns doch zumindest eine Idee, wo es langgehen kann, doch die direkt eingeholten Auskünfte sind oftmals zweigeteilter Natur. Leider viel zu oft erhalten wir die Auskunft: prima Strecke, alles ganz eben - oder es geht nur bergab, alles ganz easy, oder so ähnlich. Man freut sich dann auf einen schönen, nicht ganz so anstrengenden Tag und dann, meisten schon nach der nächsten Kurve, sieht die Fahrradfahrerwelt dann doch ganz anders aus. Was für den Autofahrer eine kaum merkliche Bewegung mit dem rechten Fuß bedeutet, bedeutet für den Radfahrer schweißtreibende Arbeit. Ja ich weiß, nach etwa 4 Monaten sollte man eigentlich diese Art von Aussage werten zu wissen. Doch leider gibt man sich, immer wieder allzu leicht, der Illusion hin und hofft insgeheim, dass die eingeholten Aussagen zutreffen mögen.
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Sind wir nun doch ein wenig zu weit nach Norden gefahren?

So auch diesmal, als wir uns von Pelluhue aus auf den Weg nach Constitución gemacht haben. Vorhergesagt waren eine flache und bequem Bergauf- und Bergabfahrten und dazu noch das Ganze im Dutzend. Zwischendrin gab es dann zum Glück eine mal nicht ganz so steile Strecke, doch kurz vor Constitución schraubte sich die Straße unaufhörlich den Berg hinauf. Dazu kam dann an diesem Tag auch noch ein reichlicher LKW-Verkehr und weil's halt nun mal auch dazu passt, gleich noch einen Speichenbruch und zwei Platzfüße. Das führte dann alles dazu, dass wir erst mit einsetzender Dunkelheit in einen fremden Ort einfuhren. Einen Umstand, den wir normaler Weise aufs tunlichste vermeiden wollen. Denn der Verkehr, welcher am Tag schon teilweise gefährlich genug ist, wird in der Dunkelheit nicht gerade sicherer. Am Abend, als wir erschöpft in unsere Hotelbetten fielen, waren denn auch die durch die Erholung in Pelluhue gewonnen Reserven somit gleich wieder aufgebraucht.
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Entlang an der Küste

In Pelluhue hatten wir zuvor ein etwas älteres chilenisches Ehepaar (Jennifer und Jaime) kennen gelernt, welche direkt an der Panamericana nach Curicó wohnt. Wir waren von ihnen eingeladen worden sie zu besuchen  und da Haus von ihnen sowieso auf unserer Route lag, waren wir dieser Einladung gefolgt. Sie hießen uns recht herzlich willkommen und man bot uns die Betten der Kinder, diese waren mittlerweile allesamt groß geworden und leben nun in Santiago, zum schlafen an. Bedankt für die Gastfreundschaft haben wir uns am zweiten Tag mit einem Abendessen, das wir für die Beiden gekocht haben, einem guten Rotwein und einer Diashow mit den bereits gemachten Bildern von unserer Reise.

Nachdem wir uns von Jennifer und Jaime verabschiedet hatten, ging es mal wieder ein kurzes Stück auf der Autobahn weiter, um dann aber auch gleich wieder, nach ein paar Kilometern, davon abzubiegen. Mittlerweile waren wir in dem Haupt Weinanbaugebiet von Chile angelangt und so ging es denn auch an Weinplantagen vorbei, durch eine herrliche Landschaft. Der Frühling war nun voll im Gange und alles roch in der Gegend. Mal abgesehen von ein paar Lastern, die wohl von der Küste her kamen und Guano (Vogelkot! = Düngemittel) geladen hatten. Aber wie gesagt, zum Glück waren es nur wenige Laster und der Rest der Landschaft roch dafür umso besser. Und etwas, was wir uns nicht zu glauben getraut hatten, tauchte plötzlich vor uns auf. Fahrradwege! Wer hier in Südamerika unterwegs ist glaubt in seinen kühnsten Träumen nicht daran, so etwas hier zu finden. Doch zumindest für ein paar Meter unseres Weges hatten wir das Glück, auf solchen hier fahren zu können. Uns wurde anschließend erläutert, dass die Leute, welche im Weinanbau arbeiten, meistens mit dem Rad zu Arbeit fahren und weil es halt in dieser Gegend nicht so wenige davon gibt, gibt es auch das Phänomen eines Radweges. Dazu muss man aber auch sagen, dass die Gegend so gut wie ausschließlich flach ist.
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Weinanbaugebiete in Chile

Auf der weiteren Strecke sind wir an Orten wie: San Vincente de Tagua Tagua, El Manzano, San Antonio, Isla Negra (hier hatte Pablo Neruda seinen Sommersitz) vorbeigekommen. In manchen haben wir auch Rast gemacht und auch mal wieder gezeltet. Weiter führte uns unser Weg nach Valparaiso. Irgendwie hat dieser Name etwas Mystisches für mich, etwas was ich nicht so genau beschreiben kann. Vielleicht liegt es nur an dem schönen Namen und vielleicht auch daran, das ich wohl mal einen Kinofilm gesehen habe, in dessen Titel dieser Ortsname vorkam, oder war es vielleicht ein Fernsehfilm aus Kindertagen, mit dem Seeräuber Sir Francis Drake, welcher dort eingefallen ist. Die Erwartungen auf diesen Ort waren bei mir also, so oder so, groß.

Schon allein die Abfahrt nach Valparaiso, sieht man mal davon ab, dass diese über eine zwei- bis vierspurige Autobahn erfolgt, war fantastisch. Dann kommt man, plötzlich aus den Bergen heraus, in einen Trubel von Stadt. Blickt man dann um sich, sieht man, dass diese Stadt anders ist, als alle anderen Lateinamerikanischen Städte. Nur einen schmalen, flachen und bebauten Küstenbereich gibt es dort. Der Rest der Stadt schmiegt sich an den 45 steilen Hügeln hoch. Zu erreichen sind diese Stadtteile nur über Treppen oder wenige, sehr, sehr steile Straßen.
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Die bunten Häuser in den 45 Hügeln von Valparaiso

Von daher ist es schon logisch, dass diese Stadt dem sonst üblichen Schachbrettmuster nicht folgt und der Straßen- und Wegeverlauf kreuz und quer ist. Teile der Stadt, wie der Cero Alegre, stehen unter Unesco Denkmalschutz. Dort bildet sich z.Z. ein Künstler-, Gastronomieviertel aus. Herrlich alte Häuser werden wieder auf Vordermann gebracht, ordentlich saniert und herausgeputzt. Bewegt man sich zwar ein paar Meter davon ab, beginnen z.T. zwar schon die Armenviertel oder besser gesagt, die wild an den Hang geschusterten Hütten. Doch das gehört eigentlich zum eigentlichen Flair der Stadt hinzu und macht das Bild von Valparaiso nur komplett. Ihr merkt schon, diese Stadt hat mir unwahrscheinlich gut gefallen.

Nach Santiago, der Hauptstadt des Landes, haben wir dann auch nur einen Abstecher mit dem Bus gemacht. Den Trubel und Verkehr wollten wir uns per Rad nicht antun und das war auch gut so. Wie Großstädte nun mal sind, gibt es dort ausreichend Verkehr und sie sind halt auch riesig groß. Santiago hat aber auch seine schönen Seiten. So ist diese Stadt, am Rande der Anden, eingerahmt von hohen, schneebedeckten Bergen. Ein paar alte, schöne Häuser hat es auch und natürlich viele Kirchen und Staatspaläste. Trotzdem waren wir froh, nach zwei Tagen Anstandsbesuch, wieder nach Valparaiso zurückfahren zu können. Aber auch hier haben wir uns dann zwei Tage später wieder verabschiedet, denn mittlerweile waren wir bereits über 2 ½ Monate im Land, was bedeutete, dass wir bald das Land verlassen mussten. Auch galt es einen noch sehr hohen Andenpass mit über 3000 Metern Höhe zu schaffen, wofür wir den Zeitbedarf noch nicht so genau einschätzen konnten. Dass das Ganze dann zum Schluss doch recht schnell gegangen ist und wir an meinem Geburtstag, den 8.11. das Land verließen, war dann ein paar Tage eher als erwartet. Doch das was uns in den Anden erwartete war dadurch nicht minder Anstrengend. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass über 3000 Höhenmeter kein Zuckerschlecken sind.
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Die Anden warten

Nach Valparaiso ging es fast unmerklich die Ganze Zeit ganz sachte bergauf. Als wir in Los Andes ankamen, hatten wir so schon 1100 Höhenmeter geschafft. Doch nach Los Andes war dann Schluss mit lustig. Wie der Stadtname schon erahnen lässt, standen die Anden unmittelbar an und der weitere Weg Richtung Westen schraubte sich von nun an steil nach oben. Am 06.11. legten wir an einem Tag, bis Rio Blanco, 800 Höhenmeter zurück und am darauffolgenden Tag, den 07.11., ging es über steile Serpentinen, einem Geröllabhang entlang, weitere 1200 Meter nach oben. Die Luft wurde mit jedem Meter merklich dünner und weil diese Strecke, die Hauptverbindungsstrecke zwischen Chile und Argentinien ist, gab es zudem auch entsprechend viel LKW-Verkehr, welcher wiederum die dünne Luft, mit dicken, schwarzen Rußabgasen, etwas verdickte.

Wie wir das Ganze letztendlich geschafft haben, weis ich fast gar nicht mehr. Irgendwie haben wir uns den Berg voran gequält. Zwischendrin haben wir dann auch noch die ersten anderen Fahrradreisenden auf unserer Tour getroffen. Zwei US-Amerikaner, welche den Pass hinunter kamen. Ein bisschen Smalltalk hat ganz gut getan, doch der Pass wollte noch bezwungen werden. Mun Suk war dann irgendwann, wohl so auf 2800 Metern Höhe, körperlich und nervlich dem Ende nah.
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Mun Suk am Ende ihrer Kräfte

Irgendetwas hatte sie zudem noch in das linke Augenlid gestochen, so dass dieses stark anschwoll und sie dadurch auf diesem Auge fast nichts mehr sah. Es bedurfte daher schon einiges an Überredungskunst, um sie weiter die Strasse hinauf zu bringen. Mit den letzten Reserven sind wir dann in Portillo, einen Skihotel etwa 150 Höhenmeter unterhalb der Grenze, angekommen. Obwohl hier die Preise für uns extrem teuer waren, wir mussten ca. 50 Euro für die Übernachtung bezahlen, haben wir uns dort niedergelassen, denn eine andere Alternative gab es nicht. Ein herrliches Bergpanorama und ein Blick, von unserem Zimmer auf einen noch zugefrorenen Bergsee direkt vor der Haustür, hat das Ganze zumindest ausreichend entlohnt.

Gut ausgeruht haben wir dann am 08.11. die letzten 150 Höhenmeter in Angriff genommen. Bei etwa 3180 Metern Höhe war dann endlich Schluss mit der Plackerei. Wir standen vor dem Tunnel unterhalb des Cristo-Redentor-Passes, welcher Chile mit Argentinien verbindet. Dieser ist etwa 5 km lang, zweispurig und für Fahrradfahrer gesperrt. Der alte Pass selber war noch gut zugeschneit und ist auch wohl nur noch im Hochsommer, für ein paar Tage im Jahr, für den Leichtverkehr und Wanderer offen. Das der Tunnel für Radfahrer gesperrt ist, war eigentlich kein Problem. Denn kaum standen wir davor, wurden wir auch schon von den Tunnelservicemitarbeitern in Empfang genommen, unsere Sachen komplett auf einer Camioneta verladen und schon ging es bequem durch den Tunnel. Lebend hätten wir ansonsten wohl diesen Tunnel nicht durchquert. Wenn nicht der Verkehr dort einem ein Ende gesetzt hätte, wäre es zumindest eine Kohlenmonoxidvergiftung gewesen. Denn eine künstliche Be- oder Durchlüftung hat dieser Tunnel nicht. So sind wir heil und bequem auf argentinischer Seite angekommen und vor uns lag alles nur noch bergab.


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