Colombia Special - Carnaval de Barranquilla  (Kolumbien, 30.01.2008 bis 05.02.2008)
Kolumbien Spezial - Fasching in Barranquilla

Zwei Uhr nachts, es ist stickig heiß in unserem Zimmer und an Schlaf ist lange noch nicht zu denken. Ohrenbetäubend laute Musik halt von draußen in unser Zimmer hinein. Wir schreiben den 04.02.08, die Nacht vom Faschingssonntag auf den Rosenmontag. Zwar heißt es nicht Fasching hier, sondern Karneval, doch an Faschingstimmung mangelt es hier garantiert nicht. Überall in den Strassen wird ausgiebig bis tief hinein zum nächsten Morgen gefeiert.
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Dancing in the streets


Am 28.01.2008 haben wir uns, von Popayan aus, zu einer 30 stündigen Busfahrt nach Barranquilla aus aufgemacht. Die Räder und das meiste Gepäck haben wir vorsorglich im Hotel in Popayan gelassen. Eigentlich wollten wir die Strecke nach Barranquilla mit dem Rad zurücklegen, doch zeitlich standen wir plötzlich so unter Druck, so dass wir uns für die Busfahrt kurzfristig entschieden hatten. Im guten Vertrauen auf eine Aussage vom einem kolumbianischen Fremdenverkehrsbüro in Quito gingen wir davon aus, dass der Karneval in Barranquilla erst Ende der zweiten Februarwoche beginnen soll. Zum Glück hatten wir diese Aussage dann, als wir in Kolumbien einreisten, nochmals nachgeprüft und siehe da, der Karneval war schon dabei fleißig loszulegen. Also war höchste Eile angesagt und die Räder dürfen sich mal wieder ausruhen.
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Marimondos, die Symbolfigur des Karnevals in Barranquilla

Dreißig Stunden Busfahrt ist schon eine verrückte und harte Sache, doch der Grund dafür ist mal wieder unser Spezialprojekt für die Stadt Gangneung in Südkorea. Der Karneval in Barranquilla steht nämlich auch unter dem Protektorat der Unesco und wird dort als Immaterielles Weltkulturerbe mit aufgeführt. Nach den Sápara Indianern ist dies nun unser zweites Unesco Projekt. Ebenfalls reizt es natürlich zudem auch ungemein, nach den feucht, kalten Tagen zuvor im Süden Kolumbiens, sich nun dem Rhythmus und dem karibischen Klima hinzugeben. An Ausruhen nach der materiösen Busfahrt war aber schlicht weg nicht zu denken, denn wie gesagt, der Karneval hatte hier schon begonnen und wir hatten noch keine Ahnung, wo wir ansetzen sollten. Es galt heraus zu finden, wo und in welchen Ecken der Stadt der Karneval stattfinden wird. Zudem mussten wir auch, um alles besser verstehen zu können, noch ausführlich Basisdaten des barranquillanischen Karnevals recherchieren. Als aller erstes quartierten wir uns aber erst einmal in einem Hotel im Zentrum der Stadt ein und begaben uns, nach einer Dusche, auf den Weg zur Touristeninformation. Um die Stadt dabei auch gleich ein wenig besser kennen zu lernen, unternahmen wir dies zu Fuß, obwohl es schon ein gutes Stück Weg dorthin war und die Sonne hier gnadenlos und in hohen Temperaturen auf uns nieder brannte. Doch gerade dieser Umstand, des Laufens durch die Stadt, war unser Glück, denn so kamen wir durch Zufall am Haus „Casa del Carnaval" (Haus des Karnevals) vorbei. Zuerst notierte ich dieses Haus nicht so recht, doch Mun Suk hatte ein besseres Auge dafür und so intervenierte sie und drängte darauf, hinein zu gehen. Wir bekamen Einlass durch ein bewachtes Tor und betraten einen Innenhof. Hier herrschte reges Treiben, kein Wunder, der Karneval war ja schon voll im Gange.
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Radiointerview im Haus des Karnevals

Wir fragten an einer Rezeption nach wohin wir uns mit unserem Anliegen wenden können und so wurden wir an Nistar Romero verwiesen. Sie ist die Direktorin für die Presse und konnte uns auch ausreichend mit Information versorgen. Zudem stellte sie uns auch die Frage ob wir einen Presseausweis benötigen. Etwas überrascht darüber, hatten wir uns doch bisher noch nicht als Reporter ausgegeben bzw. so gefühlt, so bejahten wir jedoch diese Frage mit ja, da dadurch bestimmt ein leichterer Zugang zu allen wichtigen Veranstaltungen des Karnevals möglich sein würde. Grundlegend falsch war unsere Zustimmung nun aber auch nicht, denn offiziell berichten wir ja für die Unesco Organisation in Gangneung in Südkorea, was einer Pressearbeit gleich kommt und mal ganz abgesehen hier von, gibt es ja auch unsere HomepageJ. So kamen wir also, nachdem wir beide ein Passbild abgegeben hatten, zu unseren ersten Presseausweisen. Das dieser uns mitten ins Geschehen bzw. direkten Zugang auch zu Bühnenveranstaltungen bringen würde, ahnten wir da noch nicht. Weiterhin lernten wir an diesem Tage noch Luz A. Aguilar kennen, Direktorin für Veranstaltungen, welche wir ansprachen hinsichtlich eines möglichen Austauschprogramms zwischen dem Danoje Festival von Gangneung und dem Karneval von Kolumbien. Luz war darüber sehr interessiert und mal sehen, was daraus in der Zukunft wird. Auch teilte uns Luz mit, dass am Abend eine Veranstaltung stattfinden wird, in welcher die Königinnen der jeweiligen Stadtteile auftreten, um von ihnen die schönsten drei zu küren. Zudem sollte dort noch ein Konzert stattfinden. Der Transport dorthin war auch geregelt, denn von der Organisation aus sollte ein Bus uns mit dorthin nehmen. Wir verabredeten uns so für 6 Uhr am Nachmittag und fuhren schnell erst einmal wieder ins Hotel zurück, um uns etwas frisch zu machen und um etwas zu essen.

Um sechs Uhr nachmittags waren wir dann zurück, mussten aber erst noch einmal ein bisschen warten und um 7 Uhr fuhren wir dann, zusammen mit Luz, hin zur Veranstaltung. Ich erwartete kein allzu großes Spektakel und dachte mir, dass die Veranstaltung wohl nicht so professionell ablaufen wird. Ich, dass das ein ziemlich großes Vorurteil gegen die Leute hier ist, doch im allgemeinen, so zeigt es unsere Erfahrung in Südamerika, werden die Sachen hier nicht so professionell abgewickelt. Doch kaum kamen wir an, wurde ich Lügen gestraft. Die Veranstaltung fand in einem abgeschirmten Stadium statt, mit einer riesigen Bühne darin, welche bestens mit Beschallung und Beleuchtung ausgestattet war. Das Landesfernsehen war gleich mit drei Kameraleuten und einem riesigen Kranstativ dort vertreten und was das Schönste war, für die Presse, also auch für uns, gab es VIP Plätze direkt vor der Bühne. Nach einer kurzen Wartezeit vor Ort, legte dann das Programm los und es war wirklich nicht schlecht was geboten wurden.
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Cumbia vom Feinsten

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Eine wunderbare Show wurde geboten

 
Zuerst traten zwei gute Cumbia Gruppen auf, welche das Publikum ordentlich einheizte. Wir konnten schlecht abschätzen wie viel Leute an diesem Abend dort zugegen waren, doch meiner Meinung nach war das Stadium gut zu 3/4 gefüllt, wenn nicht sogar noch mehr. Nach den beiden Gruppen traten dann die Königinnen in verschiedenen Tanzdarbietungen auf um all ihr Können zu zeigen.
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Die Krönung der Königin der Königinnen

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Auf der Veranstaltung: Reynas de las Reynas" (Die Krönung der Königin der Königinnen)

Es war eine fantastische, kunterbunte und wirklich sehr professionelle Darbietung was die Königinnen und die anderen Komparsen darboten. Zum Schluss wurden dann die besten drei Königinnen gekürt und an noch zwei weitere wurden weitere Ehrentitel vergeben. Danach ging es dann mit Musik weiter, doch so gegen 23 Uhr waren wir beide so K.O. das wir dann ein Taxi nahmen, um ins Hotel zurück zu kommen. Tags darauf fuhren wir mit Patricia, der Direktorin der Organisation „ Fundación Carnaval de Barranquilla", zu einem Privathaus in einem etwas entfernten Stadtteil, wo sich die dort lebende Familie bereits seit mehreren Generationen dem Karneval gewidmet hat. In einem kleinen sehr Haus drängten sich etliche Personen nebeneinander und vom Großvater bis zum Enkelkind waren wohl die meisten der Familie anwesend. Es gab viel Hektik, war es doch  bereits 5 vor 12 für den Karneval. Es wurde noch fleißig an Plakaten und den Kostümen gearbeitet, doch nach einer Stunde des Wartens gab es dann eine kleine inoffizielle Aufführung der Musikanten auf der Strasse.
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Die Gruppe „Danza el Torito" legte sich kräftig ins Zeug und spielte sich schon mal warm für den Karneval

Am Samstag dem 2. Februar ging es dann richtig los, mit dem eigentlichen Schauspiel des Karnevals. Es gab einen riesigen Umzug, genannt „Batalla de Flores",  welcher auf einer großen Straße, der Via 40, stattfand. Wir und andere Reporter wurden mit einem Bus, seitens der Karnevalorganisation, dorthin gefahren
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Perfekter Service, Bustransport zur Veranstaltung

und bekamen einen Platz auf einer kleinen Schautribüne zugewiesen, von wo wir aus das Geschehen verfolgen konnten, doch durften wir uns auch frei auf der Veranstaltungsseite bewegen. Zuerst aber mussten wir noch gut 90 Minuten warten und durften unter der glühenden Sonne schmoren, denn die Gruppen verspäteten sich ein wenig. Dann aber ging der Umzug endlich los. Den Auftakt machten Mitarbeiter der Karnevalorganisation, als auch städtische Mitarbeiter der Straßenreinigung. Danach wurde es kunterbunt, es kamen Gruppen mit traditionellen Kostümen und Musik daher als auch Einzeldarsteller oder Wagen mit Beschallungsakustik, natürlich in voller Lautstärke. Das Ganze war ein quirliges, buntes und lustiges Geschehen und wurde kräftig angefeuert von den Zuschauern, für meinen Geschmack gab es leider nur extrem viel Werbematerial, welches die Darsteller und/oder Gruppen mit sich rumschleppten.
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Viel zu viel Werbung wurde von den Darbietern mit rumgeschleppt

Auch anders als in Deutschland gab es hier aber kaum Darstellungen mit Kritik an Politik oder sonstigen sozialen Themen, nur ganz vereinzelt und kaum wahrnehmbar, dafür wurde aber so alles, mehr oder weniger, karikiert und auch ein Darsteller wie „Hitler", welcher fleißig mit „Sieg Heil" salutierte, fehlte nicht in der Aufführung. Sinn und Zweck wollte mir mit dieser Figur nicht ganz einleuchten, ad schon eher mit den Darstellern von „Bush" und „Osama Bin Laden", welche hand-in-hand spazierten. Aber wie gesagt, das war nur ein kleiner Teil der Aufführung und die meisten Gruppen boten eher eine traditionelle Darbietung oder exotisch bunt.
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Traditionelle Karnevalsdarbietung

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Traditionelle Karnevalsdarbietung

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Nicht ganz so traditionell, dafür aber ein bißchen mehr freizügiger

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Tanz mit fantasievollen Kostümen

Weiter ging es dann am nächsten Tag mit einem weiterem Umzug, der „Gran Parada de Tradicion", wo es zum Glück weniger Werbeschlachten gab und das Ganze mehr den traditionellen Charakter der Karnevalsumzüge verfolgte.
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Nach zwei Tagen mit Karnevalsumzügen waren wir dann ganz schön groggy, wurden doch auch über 2500 Bilder an diesen beiden Tagen geschossen, welche abends dann noch gesichert und vorgesichtet werden durften. Viel Schlaf gab es da wirklich nicht für uns, mal ganz abgesehen von der musikalischen Beschallung von der Strasse her in Diskolautstärke.

Einen weiteren Umzug am Sonntag ersparten wir uns dann so auch und besuchten dafür am Montag den Musikwettbewerb: „Festival de Orquestas". Von 10:00 Uhr morgens bis tief in die Nacht hinein traten dort die Gruppen im 15 Minutenabstand hintereinander auf. Geboten wurde hauptsächlich Cumbia und Vallenato Musik, aber auch ein wenig Salsa wurde von der einen oder anderen Gruppe dargeboten.
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Damit war den auch der Karneval in Barranquilla so gut wie vorbei, doch eine Besonderheit gab es noch zum Schluss. Dienstags, zum offiziellen Abschluss des Karnevals gab es dann noch den Umzug „Joselito". Bei dem Umzug des Joselito handelt es sich um eine Person, die den Karneval wohl zu sehr genossen hatte, dass, was den Alkohol und das Feiern anbelangt und der nun zum Ende des Karnevals tot in der Strasse aufgefunden wird. Es eilen prompt zu ihm viele Frauen die seinen Tot lautstark und exzessiv betrauern und alle wollen ihn für sich beanspruchen. Es handelt sich bei dem Umzug des „Joselito" m.E. um eine rein barranquillanische Figur und das Ganze ist weniger ernst gemeint und vielmehr  eine riesige Gaudi für alle Teilnehmenden. Spiegelt sich doch hierin auch ganz deutlich wieder ein ureigenes Thema des hiesigen Karnevals wieder, nämlich das der Tod ein stetiger Begleiter ist, man ihn aber, gerade am Karneval, nicht so ernst nimmt.
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Joselito tot am Boden, mit den „trauernden" Witwen um sich herum

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